Samstag, 17. Dezember 2011

Marokko-Reise

Und auf geht's!

O Kulturen, wie unterschiedlich ihr seid! Als Treffzeitpunkt war 8 Uhr vereinbart; gegen 11 Uhr haben wir dann tatsächlich die Motoren in Gang gesetzt um Richtung Gibraltar zu tuckeln.

Wir alle haben schon etwas von der Gemütlichkeit der Südamerikaner gehört. Ich ließ mich naiverweise davon beeindrucken, dass die Ausarbeitung des Reiseplanes sehr detailliert ausgefallen war und dass ich deshalb organisierte Kräfte am Werke wähnte. Wie sehr ich mich da täuschte.

Entkräftend muss ich jedoch erst einmal erwähnen, dass wir in einer sehr stolzen Gruppengröße unterwegs sind. Alles in allem zählt unsere kleine Reisetruppe diesmal 17 Personen. Darunter sind weniger BrasilianerInnen als ich ursprünglich annahm. Bis gestern war mein Kenntnisstand nämlich, dass ich als einziger Europäer die Fahrt nach Marokko antreten würde. Die endgültige Zusammensetzung lautet allerdings:
- 13 BrasilianerInnen (einer/eine patriotischer als der/die andere; weswegen die brasilianische Flagge auf einigen Fotos nicht fehlen durfte)
- 2 Deutsche
- 1 Französin
- 1 Mexikaner.


8 Uhr Treffpunkt. 8.15 Uhr kam ich an. 8.30 Uhr trafen dann in der Tat noch drei weitere ein. Bis neun Uhr waren wir bereits überwältigende sieben Personen. Die weitere Ankunftskurve verlief eher linear als exponentiell. Vielleicht würde eine Ausgleichskurve auch ein logarithmisches Verhalten nahelegen.

Nachdem die Fahrer bei der Ausleihe erfahren hatten, dass die Reservierung der Mietautos aus irgendeinem unerfindlichen Grunde nicht stattgefunden hatte und wir daher mehr oder weniger den doppelten Preis bezahlen mussten, dachte ich mir zum ersten Mal: "Hm, doch etwas unorganisiert". Anschließend kam der Berg zum Propheten: Anstatt die Fahrer zu unserem Treffpunkt zu lotsen, verbrachten wir unsere Freizeit damit von einem zum anderen Punkt zu laufen, weil die Fahrer (mangels Karte und mangels Vorbereitung) nicht wussten, wie man zu uns gelangen kann.

Aber hey, darauf war ich gedanklich vorbereitet.
Ich freute mich viel zu sehr auf die bevorstehende Fahrt um mich durch eine solche Kleinigkeit aus dem Konzept bringen zu lassen!


Bolonia
Tag 1 verbrachten wir damit, an die Südküste Spaniens zu fahren. Unser erster richtiger Halt war ein kleiner Strand in der Nähe von Tarifa namens Bolonia. Das wunderschöne Wetter brachte den feinen Sand, eingelagert in einem sehr gebirgigen Umfeld, einzigartig zur Geltung. Wir ließen uns an einem kleinen Strandrestaurant nieder und bekamen ob unseres Aussehens bedürftiger kleiner Studenten alle Speisen und Getränke deutlich günstiger. Die Besitzerin und ihr "marido" waren äußerst freundlich und so speisten und tranken wir fürstlich zu einem sehr fairen Preis. 

Mjamm...Mittagessen
Quiz-Frage: Woran sieht man auf diesem Bild, dass es ein sonniger Tag war?
 
Vor dem Untergang der Sonne fuhren wir noch einmal kurz ins Gebirge rein und erhielten als Lohn wunderschöne, in warmes Licht getauchte Aussichten.

 Auch einen Blick auf Afrika konnte man von hier oben aus erhaschen:


Im Anschluss daran führte unsere Reiseroute nach Tarifa. Während die anderen sich im Hostel einrichteten, stellte ich fest, dass ich wohl doch noch einmal beim Auswärtigen Amt die Einreisebestimmungen hätte lesen sollen. Beim letzten Mal konnten wir in Marokko auch mit unserem handlichem Personalausweis Afrika unsicher machen - vermutlich, weil es sich um eine bereits im Vorhinein angemeldete Reisegruppe handelte. Die standardmäßige Voraussetzung ist jedoch der Reisepass. Daher durfte ich dann mit einem Brasilianer zurück nach Sevilla huschen - 6 Stunden Fahrtzeit. Für ein Stück Hartpappe. Der einzige Trost war, dass ich nach 1,5 Jahren Vierrad-Abstinenz fast die gesamte Zeit gefahren bin. Wenn ich mich recht entsinne, war ich sogar das erste Mal seit meiner Fahrschule auf der Carrerabahn für Erwachsene unterwegs (ich rede von einer Autobahn). Klar - mit Tempolimit.

Als wir um halb 2 Uhr nachts zurückkamen, waren die Brasilianer fleißig damit beschäftigt in einer Bar betrunken zu sein und sich füreinander zu interessieren. O ihr verschiedenen Kulturen!




TAG 2
Mit der üblichen Verspätung brachen wir am Sonntag ins Horn. Nach einem einseitigen Frühstück tuckelten wir in die eher uninteressante Stadt Gibraltar. Ein weiteres Wort werde ich darüber nicht verlieren...

...dachte ich erst. Bis ich sah, dass ich schon einmal etwas über Gibraltar geschrieben hatte...in meinem wohl nie zur Vollendung findenden Artikel über meine erste Reise nach Marokko. Damals schrieb ich folgende der Stadt huldigende Zeilen:
Eigentlich ist Gibraltar ziemlich unspektakulär und eher unansehnlich. Interessant ist der politische Status dieser Stadt. Direkt am nahezu südlichsten Punkt Spaniens befindet sich ein Fleckchen mit 30.000 Einwohnern. Diese Enklave fühlt sich jedoch nicht in Spanien zu Hause – sondern in England! Bekräftigt wird dieser Status durch die Grenzkontrollen mit den grimmig dreinschauenden Wachen und den gefängnisartigen Aufbau der Halbinsel. Siehe dazu den Stadtplan.

Hat man sich in die Höhle des Löwen gewagt, wird man mit wunderbaren Details belohnt. An jeder Ecke steht eine britische Telefonzelle. In einem metallenen britischen Briefkasten verschickt man seine Postkarten. Die Ikonen des angelsächsischen Kapitalismus sind natürlich ebenfalls inklusive. Feinstes Essen bei Mc Donalds und Burger King. Das großartigste von allen: diese Megacity nutzt… das Pfund-Sterling! Das ist vergleichbar mit einer Entscheidung aller Prenzlberger in Berlin von nun an nur noch mit der Lira zu handeln. Schließlich haben wir doch ehemals zum römischen Reich gehört!

Folgende Bilder sind alle bei meiner ersten Marokko-Reise im Oktober entstanden:

Marcus - ein englischer Gentleman von Welt. Er verschickt Geschäftsbriefe...
...macht einen Ausritt mit den königlichen Stallschönheiten..
...kauft bei seinem Homie-Glasbläser stilvolle Einrichtungsgegenstände...
...und vereinbart das nächste Abendessen bei der Queen.
Nennenswerte Sehenswürdigkeiten oder Momente gab es für mich in Gibraltar nicht. Allerdings kann man für einen stolzen Preis in ein abgeschlossenes Naturgebiet hinein, das einem sowohl schöne Aussichten als auch Hunderte anhängliche Affen bietet. Das habe ich mir jedoch nicht leisten wollen.



Nachdem wir mit dem Bus in Algeciras angekommen waren, bestand Unklarheit darüber, wie wir nun am günstigsten mit der Fähre zur afrikanischen Landmasse und anschließend mit weiteren Transportmitteln nach Chefchaouen kommen könnten. Anstatt sinnvollerweise direkt zum Hafen zu gehen, verbrachten wir einiges an Zeit und Gerede in verschiedenen, eher zwielichtigen, Reise-Mini-Büros. Unsere Gruppengröße und Zeitknappheit brachte einige Angestellte zur Verzweiflung und Aufgabe.
Letztlich fanden wir dann aber doch jemanden, der eine Überfahrt für uns organisierte. Er legte uns nahe, mit der Fähre nach Ceuta und dann weiter über die marokkanische Grenze mit dem Taxi nach Chefchaouen zu reisen. Dass wir damit weder schnell noch günstig unterwegs waren wurde uns leider erst bewusst, als wir dem guten Herren vom Reisebüro das Geld bereits gegeben hatten.

So betraten wir also die Fähre, setzten nach Ceuta über und…Und dann war es endlich so weit - ehrfürchtig betraten die meisten von uns zum allerersten Mal den afrikanischsten aller Kontinente. Der Ursprung unserer Ur-Hoch-100-Ahnen, die Wiege der Menschheit, der Startschuss für den Beginn aller homo sapiens sapiensischen Weltmachtsansprüche. Der allerliebste Ort für westliche Ausbeutungstaktiken. Aber auch ein humaner Kulturschatz mit unzähligen unterschiedlicher Sprachen, Traditionen, Weltansichten. Ob meine Reisekumpenen auch die durch Trommeln vibrierende Luft verspürten? Jagten sie ebenfalls in einer imaginären Reise durch die Wüste, auf der Suche nach etwas Essbarem? Hörten Sie die Klänge traditioneller Gesänge? Konnten sie sich die Vielzahl an Geschmäckern vorstellen, die in einer solch anderen Welt existieren? Nun, all das dachte ich mir ... nicht! Schließlich war ich bereits das zweite Mal in Afrika, also keine Zeit für Sentimentalitäten.
Und die anderen dachten wohl nicht in solchen Kategorien.
Zumal wir in Ceuta angekommen waren ... also zwar nicht geografisch, aber doch quasi politisch noch in Europa waren!
Szenenwechsel!

Etwa eine Stunde nach Fährenankunft waren wir an der marokkanischen Grenze. Etwa eine Stunde danach immer noch.
Ein unangenehmer Ort. Die Herumlungernden an der Grenze geben einem ein Gefühl solch grenzenlosen Vertrauens, dass man seine Tasche etwas fester an sich presst. Sie kommen mit allen möglichen Vorwänden auf die Gruppe zu und umstreifen einen wie ein Raubtier seine Beute.
Wir kamen ohne Vorfälle hinüber, auch wenn die Entscheidungsfreudigkeit, Arbeits- und Kompromissbereitschaft des einzigen Zollbeamten der der Entscheidungsgremien der Europäischen Union im Verlauf der letzten Monate nicht unähnlich war.

Wer über die Grenze von Ceuta nach Marokko geht, kann sich auf harte Handelspartner in Form von Taxifahrern freuen. Nach recht lauten Verhandlungen (wie gewöhnlich auch durch die Problematik der Kompromissfindung einer 17-köpfigen Gruppe verkompliziert) fuhren wir in drei Großraumtaxis die 100km nach Chefchaouen für 50€ pro Taxi. Da jeweils 6 Leute im großen Taxi mitfuhren war der Preis vertretbar.
Eine Sekunde? Großraumtaxi? Folgendes Bild suggeriert etwas anderes:

So glücklich wie wir aussehen, hätten da vermutlich auch noch mehr Personen in das Taxi hineingepasst.
Zugegeben...wir sind dann wohl doch in normalen Taxis gefahren. Das hatten uns die Fahrer nur leider vorher nicht mitgeteilt. Aber hey, vier Leute auf der Rückbank (inkl. ein wenig Gepäck um die Angelegenheit noch etwas bequemer zu machen), und ein (1 Tag altes) Pärchen auf dem Beifahrersitz sind locker machbar! Und die 120 Kilometer im klapprigen Taxi sind ja wohl ein Kinderspiel, oder?

Anschließend an die anfangs lustige und später einfach nur noch ar...gkalte Überfahrt (das Auto hätte/hatte wahrscheinlich in den letzten paar Dutzend Dekaden keinen TÜV bekommen) kamen wir in jenem Ort an, in den ich mich schon eine Zeit zuvor verliebt hatte: Chefchaouen. Neben Gibraltar und Ceuta hatte ich nämlich auch Chefchaouen bei meiner ersten Marokkoreise besuchen dürfen.

Schon damals war mir Chefchaouen als sehr angenehm in Erinnerung geblieben. Es ist viel weniger touristisch als andere Städte, es ist leiser, gemütlicher, traditioneller, gebirgiger, günstiger, schöner. Mit nur knapp 40.000 Einwohnern ist Chefchaouen auch tatsächlich niedlich klein.

Das Besondere an dieser Stadt steckt jedoch nicht in obigen Adjektiven, sondern in der Bemalung der Wände: der Großteil der Stadt ist mit einer blauen Farbe angestrichen. Dies gibt Chefchaouen besonders bei Sonnenschein eine wunderbare Note. Hintergrund der blauen Farbe ist ein angeblicher Vogelscheucheneffekt auf Mücken. Gesehen oder gehört habe ich übrigens in der Tat keine Mücken in Chefchaouen, aber das könnte auch an der recht kalten Jahreszeit liegen.

Meine Liebesbeziehung zu Chefchaouen hat in ihrer Leidenschaft im Vergleich zum ersten Besuch nicht nachgelassen. Wir waren in einem sehr gemütlichen Hostel untergebracht und haben von hier aus die Stadt erkundet.





Erstes Frühstück in Marokko








Dieses Bild ist am Rand der Stadt entstanden...
...Anschließend kletterten wir einen recht steilen Abhang hoch, was zu vielen schönen Bildern führte.



Kleiner Einblick in unsere kollektive Gruppengemütlichkeit: weil wir nach einer Übernachtung in Chefchaouen die Weiterfahrt zum etwa 300 km entfernten Fez (ich rede nicht vom Berliner Freizeit- und Erholungszentrum) um 18 Uhr antreten mussten und wir eventuelle Verspätungen und Umwege zum Busbahnhof einplanten, verabredeten wir uns für um 16.30 Uhr am Hostel.

typisches, kochend serviertes Gericht: Tajin
Unsere Teilgruppe (más o menos 10 Leute) entschloss sich um 16.10 Uhr noch schnell was zum Essen auf die Hand zu holen. Um 16.20 Uhr waren wir am 3 Minuten entfernt liegenden zentralen Platz, der viele Geschäfte hatte. Um 16.21 Uhr hatte ich selbstständig mein Omelette mit Thunfisch bestellt. Um 16.30 Uhr standen die anderen immer noch untätig wie spanische Postbeamte rum. Um 16.35 Uhr - als mein Omelette bereits friedlich in meinem Bauch lag und sich immer weniger der agressiven Magensäure erwehren konnte - setzten sich die anderen an einen der Restauranttische, um vollständige Mittags-Gerichte zu bestellen. Um 16.55 Uhr kamen die anderen 7, gerade mit Essen fertig. Um 17.15 Uhr war das auch bei uns der Fall. 17:19 Uhr (die Leute wurden sich der Lage bewusst) befanden wir uns im Hotel, gegen halb verließen wir es. 17:35 Uhr am Taxistand, an dem es nicht mal ein einziges Taxi gab, geschweige denn jener Menge, die wir benötigt hätten. So traten wir mit Koffern, Taschen und Einkaufstüten den 30-minütigen verschlungenen Weg zum Busbahnhof an. 30 Minuten, wenn man weiß wo es lang geht.

Und das immer alles unter der lieben Mithilfe der Marokkaner, deren bemerkenswerte Fähigkeit zu Wegbeschreibungen ein ums andere Mal deutlich wurde. In 80% der Fälle zeigen sie in eine Richtung und sagen (meist in gutem Englisch/Spanisch/Deutsch/Französisch/Portugiesisch, je nach Fragesteller): "dort in die Straße und dann immer geradeaus". Die anderen 20% der Fälle werden dadurch abgedeckt, dass der Wegweisende noch hinzufügt: "dort in der Straße erste Möglichkeit nach rechts/links und dann immer geradeaus". Lasst es uns kurzfassen: es ging nie geradeaus.

Schwitzend kamen wir rechtzeitig zum Bus.
Die Busfahrt stand im Zeichen folgender Zeilen:
"yo no quiero saber de mas nada.... yo solo quiero saber.. quien tiene seda".

Einziger Eintrag nach Ankunft spät in der Nacht:
Ankunft im Hotel in Fes. Schick. Besonders die Duschen sind beeindruckend.

Eines der Betten ist jedoch auch nicht zu verachten. Bei der Ausstattung muss man sich einfach wohl fühlen:
Wie man sieht wurden die beiden Deutschen von der brasilianischen Reisegruppe vorbehaltlos integriert...

...

TAG 3

Wie hätten Sie Ihr Schnitzel denn gern? Mit Pommes oder Bratkartoffeln oder einer sonstigen Beilage? Und was darf es zu trinken sein?
Ist es im Restaurant nicht üblicherweise ein schönes Gefühl, wenn man vollkommen frei auswählen kann und selbst der Verantwortliche für das Be- oder Misshandeln der eigenen Geschmacksnerven ist?
Nun, wir hatten etwas sehr Ähnliches. Allerdings mit einer Reise.
Ausgeschrieben war im Hotel lediglich "Atlas-Tour". Dabei handelt es sich nicht etwa um einen Triathlon, den man mit einem gefüllten Wanderrucksack voller Atlanten und Enzyklopädiebänden zurücklegt. Das "Atlas-Gebirge" ist vielmehr ein fester Bestandteil Nordafrikas und hat zum Teil Höhen bis über 4000m. Anfangs waren die meisten ob der 10€ Kosten nicht unbedingt begeistert. Mit einer kleinen eingestreuten Information wurden allerdings alle Brasilianer und damit gleichzeitig die Mehrheit der Gruppe gewonnen: wir würden auch Schnee zu sehen bekommen! Für 11 der Brasilianer war dies nach eigener Aussage das erste Mal, dass sie Dihydrogenmonoxid (H2O) in dieser Form sehen durften.
Das Schöne war, dass wir uns vorne bis hinten wünschen konnten, was wir gerne sehen würden. Hierbei hat sich als nützlich erwiesen, dass wir eine Französin mit im Team hatten, die über die Details mit den Marokkanern einfacher verhandeln konnte. Generell kann man feststellen, dass die Spanischkenntnisse von Norden nach Süden zunehmend abnehmen, wohingegen die Französischkenntnisse kontinuierlich besser werden. Was den meisten von uns natürlich nicht zugute kam.

Im Anschluss an eine Nacht, in der abermals Schlaf nicht gerade im Übermaß vorhanden war, nahmen wir ein Frühstück zu uns.
An sich verlief die Reise ohne Höhepunkte. Ein idyllischer See im Wald, der auch in Deutschland hätte liegen können, ein beschaulicher absolut untypischer Ort namens Ifrane, der auch in der Schweiz hätte liegen können, einige sehr schöne Ausblicke über die insgesamt recht karge Atlas-Landschaft, ein günstiges sowie leckeres Mittagessen in einem fernabgelegenen sehr untouristischen Dorf und das Highlight: ein paar wilde Affen im Wald und - 200 Meter aufwärts - ... Schnee!!! Die teils überschwenglichen Reaktionen der Südamerikaner waren niedlich.

Idyllischer See? Check!

Schweizer Dorf? Check!

Freche Affen? Check!

Süße Affen? Check!

Schnee? Check!

Uralter Baum? Check!

Bei all dem hatten wir sehr sympathische Fahrer, die bereitwillig auch mehr von Land&Leuten preisgaben.
Sehr überraschend ist die fast durchgängige "Verehrung" des marokkanischen Königs. Von fast allen seinen Untertanen werde er als der Mann angesehen, der für Demokratisierung und Schaffung von Wohlstand im Lande die Weichen gestellt hat. Durch kluge Entscheidungen und als Vorbildfunktion. Als erster König verzichtete er auf die Möglichkeit mehrere Frauen zu heiraten und entschied sich für ein Mädchen aus einfachen Verhältnissen. So einhellig positiv habe ich noch kein Volk von der eigenen Regierung sprechen hören!

TAG 4

Wir hatten schon seit vorgestern Abend in Fes zugebracht und trotzdem noch nichts von der Stadt gesehen, weil wir direkt unsere Atlas-Tour angetreten hatten.
Dies wurde nun heute mit einer ausdauernden Tour von um 10 Uhr morgens (mit der obligatorischen halben Stunde Verspätung) bis etwa 18 Uhr abends nachgeholt. Das Ganze mit zwei Stadtführern zum unschlagbaren Preis von 3€/Person.
in der Nähe unseres Hostels

Unsere Führer hießen Yusef und Hassan. "Yusef?", werden sich einige fragen. Ja, der Name YusUf klingt in unseren Ohren irgendwie vertrauter. Dies liegt daran, dass all jene, die erst im Laufe des Lebens zum Islam konvertieren, als Yusuf bezeichnet werden. Wer jedoch das Kind von muslimischen Eltern ist, ist automatisch selbst islamisch und bekommt den Namen Yusef. Ein Beispiel dafür ist der Sänger Cat Stevens, der nach seiner Konvertierung den Namen Yusuf Islam trug.

Die am häufigsten verwendeten Namen sind die des Propheten selbst (Muhammed), sowie der Name seiner vierten Tochter (Fatima).

Yusef war ein guter Führer, der uns auf Spanisch die Eigenheiten der Stadt und des Islam beschrieb. Fes ist eine der "imperialen Städte" oder auch "Königsstädte" und war damit neben Rabat, Marrakesh und Meknes für eine gewisse Zeit lang Hauptstadt eine der großen historischen Dynastien des Landes. Die Medina ist beeindruckend. Es handelt sich um den ältesten Teil der Stadt und ist eine Welt für sich. Durch die Stadtmauer und den insgesamt recht "geschlossenen" Aufbau wird der Eindruck verstärkt.
Später hörte ich einmal folgende Aufzählung: Marrakesch ist die touristische Hauptstadt Marokkos. Casablanca ist die industrielle Hauptstadt. Rabat wirkt als politische Hauptstadt. Fes hingegen hat den besonderen Status der spirituellen Hauptstadt. Diese Aussage hat mir gefallen.

In der Medina von Fes teilen sich jeweils einige wenige Hundert Familien fünf verschiedene Örtlichkeiten. Darunter fällt eine Art Grundschule zur Koranlehre, ein Hamam (türkisches Bad), ein Brunnen, ein Gemeinschafts-Ofen zum Brotbacken und eine Moschee. Dementsprechend weiß man, dass man die Hood gewechselt hat, wenn man an einer neuen Moschee/Ofen/Brunnen vorbeikommt. Zeig mir deinen Brunnen und ich sage dir wie groß deine Gemeinschaft ist! Angesichts von etwa einer Million Einwohnern gibt es selbstverständlich mehr als einen Wechsel der communité.
Wenn ich versuche das Flair der Medina zu beschreiben werden mir nicht gerade viele Hilfen zur Verfügung gestellt, da es sich so grundlegend von allem unterscheidet, dass ich bisher kennengelernt habe. Bestimmt wird die Szenerie durch:
- wahnsinnig enge Gassen, durch die sich viele Esel-Treiber drängen (sie sind mit mehreren Hundert Kilogramm beladen und durch die gesamten Waren so breit wie ein Auto - ich rede übrigens von den Eseln, nicht von den Treibern)
- durchgängig sandsteinfarbenen Wänden, die häufig viel Schatten spendeten
- sehr wenig grün
- vielen vielen sehr baufälligen Wohnungen
- allgegenwärtig traditionell gekleidete Marokkaner
- kleine Handwerksbetriebe, da laut Yusef 90% der Bewohner der Medina (Kunst-)Handwerker sind.

Hier sieht man ein paar sehr moderat beladene Esel. Üblicherweise sind die Ladungen etwas ausufernder und die Gassen etwas enger, als das in diesem Beispiel zu sehen ist.

Tierschutzorganisationen sind in Marokko offensichtlich noch nicht so sehr erfolgreich.

Eine Leder-Färberei. Wegen des lieblichen Geruchs des Fells toter Tiere bekamen wir am Eingang eine Minzpflanze in die Hand gedrückt. Von dieser haben fast alle durchgängig Gebrauch gemacht.
Mehrere Stunden in diesem Gewimmel geben einem einen guten Eindruck. Dazu zahlreiche Anekdoten, die man sich eigentlich hätte aufschreiben sollen. So hat beispielsweise jedes Haus zwei Türklopfer. Mit dem unteren signalisiert der Mann der Frau, dass er alleine kommt. Dementsprechend kann die Frau - gerade in den heißesten Sommertagen, die man im Haus fast unbekleidet verbringt - unbekümmert im Haus umherlaufen und den Mann empfangen. Kommt der Gatte jedoch mit männlichen Freunden, so signalisiert ihr der obere Türklopfer, dass sie sich besser etwas überwerfen sollte. Dummerweise habe ich mich beim Schießen dieses Fotos etwas doof angestellt, weil ich mit dem unteren Türklopfer etwas zu viel am Portal herumgekratzt habe. Die Antwort folgte auch prompt. Eine verwirrt aussehende Hausfrau öffnete mir die Tür. Ich bin sehr froh darüber, dass sie nicht unbekleidet war!

A propos Hausfrau - Marokko ist nach unseren Gleichstellungs-Vorstellungen noch relativ archaisch. Es wird von jeder Frau erwartet, dass sie gut für das Haus und für den Ehemann sorgt. So erzählte beispielsweise Yusef, wie er sich verhält wenn seine Frau einmal krank ist. Dann streift er sich die typische marokkanische Kluft über - die Djellaba - die traditionell immer auch eine große Ku-Kux-Klan-Kapuze hat (Alliteration ahoi!). In diese sehr große Kapuze steckt er das gekaufte Brot und transportiert es so nach Hause. Dadurch wird niemand Verdacht schöpfen müssen, dass die Frau eventuell ihre häuslichen Pflichten vernachlässigt.
Unser Reiseleiter von der Atlas-Tour (Tag 3) hatte mir ein etwas moderneres Bild von Marokko gezeichnet. Er war der Meinung, dass Frauen mittlerweile fast gleichgestellt sind und gleiche Teile zum Haushaltsbudget beitragen könnten. Auch war er der Meinung, dass das marokkanische Familiensystem zu sehr viel stabileren Verbünden führen würde. Er lobte den König wieder einmal himmelhoch, weil dieser nur einmal geheiratet hätte. Noch dazu handele es sich um eine Frau aus armen Verhältnissen.
Vielweiberei ist in Marokko nach wie vor üblich und erlaubt. Der Atlas-Führer meinte, durch das Verhalten des Königs bedürfe es zunehmend einer Begründung, warum ein Mann noch eine zweite Frau ehelichen müsse. Der Kommentar von Muhammed dazu: "OFFIZIELL hat der König nur eine Frau. Aber er ist der König, richtig?".
Insgesamt standen viele der Aussagen der zwei Reiseleiter etwas im Kontrast. Vermutlich liegt das daran, dass der erstere nicht in der Medina wohnte und dadurch insgesamt eine westlichere Einstellung hatte. Seine eigene Einstellung projizierte er dann auf ganz Marokko. Der zweitere - der ein offizieller Reiseführer ist - zeichnete ein wohl etwas realistischeres Bild.
Die Gespräche mit beiden waren sehr interessant.
Eines jedoch existiert laut beiden nicht mehr: Zwangsheiraten sind absolut unüblich. Die zukünftigen Pärchen lernen sich zwar vermutlich nicht unbedingt betrunken in einer Diskothek kennen, aber der Kennenlernprozess läuft ähnlich wie auch andersorten ab. Man trifft sich, verliebt sich, begehrt sich - und doch darf nicht mehr stattfinden als Küsschen. Natürlich gibt es auch in Marokko einige, die sich aus dem Sex erst nach der Ehe nicht viel machen. Allerdings ist es für die Frau ein Spiel mit dem Feuer. Verliert der Mann auf einmal das Interesse und macht sich auf die Suche nach einer anderen, so hat sie nicht nur ein gebrochenes Herz, sondern auch ein ernsthaftes Problem in einer später folgenden ersten Ehenacht.

Wenn nach den ersten Ehemonaten sich unter der Bauchdecke der Frau nichts regt, dann kommt der Mann in Erklärungnöte. In Marokko ist nämlich interessanterweise generell der Mann Schuld, wenn es mit dem eigenen Nachwuchs nicht klappt. Das sah in unserer christlichen Geschichte meist anders aus.
Damit es auf anderer Front keine Probleme gibt, kann man sich in einer der örtlichen Pharmazien behelfen. Dort gibt es nämlich eine Wurzel, die angeblich auf ganz natürliche Weise ohne Zusatzstoffe zu einer ganzen Nacht Jiggijiggi führen soll. Leider bin ich noch nicht dazu gekommen, die Wunderwurzel auszuprobieren. Aber fragen wir doch mal unseren Mexikaner, wie er sich im Nachhinein fühlte?:

Religiös sind laut Muhammed nahezu alle. 80% der Einwohner beten seiner Einschätzung nach jeden Tag. An das Alkoholverbot und das Gebot des Ramadan hielten sich jedoch viele nicht.

Nachdem unser Guide etwa 9 Stunden mit uns verbracht hatte, verabschiedeten wir uns von ihm am Busbahnhof und stiegen um 19 Uhr in den Bus nach Marrakesch. Mir hat der Tag sehr gut gefallen, weil ich viele Eindrücke zum Leben in einem arabischen Land sammeln konnte.


TAG 5 & TAG 6

Wir sind mit der Information in den Bus gestiegen, dass bis nach Marrakesch 11 Stunden vergehen werden. Tatsächlich wurden wir dann bereits um 3.30 Uhr aus dem Bus mitten ins Nirgendwo geworfen. Dieses Nirgendwo war jedoch in Wirklichkeit ein Irgendwo und zwar ein etwas zentrumsfernerer Teil von Marrakesch. Unsere Ankunftszeit war ein Problem. Unser Plan sah ursprünglich vor, des Morgens in unserem Hostel die Sachen abzuwerfen und in die Stadt loszuziehen. Glücklicherweise wurden wir sogar zu dieser unwirtlichen Nachtzeit freundlich empfangen und mussten "lediglich" weitere 5 Stunden zubringen, bis wir offiziell unsere Hostelzimmer beziehen durften. Einige Begegnungen mit Johnny sowie ein zeitiges Frühstück später erwachte die Stadt.
So wurden wir ganz sachte mit Marrakesch bekanntgemacht.

Nach einer ausgiebigen Siesta machten wir uns daran, die touristische Hochburg Marrakesch zu erobern. Mein Urteil?
Sie stinkt.
Und zwar beträchtlich. Zum Teil war es wahnsinnig unangenehm über bestimmte offene Plätze zu gehen. Auch ist es manchmal nicht möglich ein Foto ohne Flecken zu schießen, weil so viele Rußpartikel durch die Luft schweben.
Wissenschaflicher Versuch zum Nachweis des Smogs. Aber vielleicht sind es ja auch Neutrinos... wer weiß?
Nichtsdestotrotz hat Marrakesch ein ganz eigenes Ambiente, das sich deutlich von jenem in Fes und Chefchaouen unterscheidet. Die gesamte Stadt scheint ein riesiger Marktplatz zu sein. Immer und überall werden einem Güter angeboten. Produkte. Ramsch. Nippes. Alles was das Herz erst begehrt, wenn man die unheilige Frage gestellt hat "wie teuer ist das?". Schon ist man im strudelnden Sog der Hartnäckigkeit der Händler gefangen. Einerseits ist es erheiternd, dass fast alle die gleichen Techniken anwenden. Andererseits erschreckend, dass sie trotzdem immer wieder erfolgreich Dinge an einen verkaufen, die man ohne ihre Mithilfe wahrscheinlich nicht einmal wahrgenommen hätte, wenn man sich viele Stunden im Laden umgeschaut hätte.
Der glückliche Überlebende einer Gewürzstraße. Der Geldbeutel war im Nachhinein definitiv deutlich leichter.

Viele der Menschen in Marrakesch versuchen sämtliche Tricks um die Aufmerksamkeit an sich zu ziehen. So hört man den ganzen Tag lang „English, English?“, „portugues? espanol? deutsch? francais?“ oder auch einmal „Hertha, Hertha Berlin“.
Einer war ein ganz besonderer Komiker. Er sprach mit dem anderen Deutschen unserer Gruppe ein paar Sekunden und wechselte dann auf ein relativ solides Deutsch. Er erzählte eindringlich, dass er uns zu wunderschönen Reisen verhelfen könne. Außerdem arbeite er nur mit seriösen, offiziellen Reiseveranstaltern zusammen. Auf die Erwiderung, dass wir bereits eine Wüstentour bezahlt hätten, folgte eine Millisekunde Schweigen. Daraufhin dann: „Okay, braucht ihr vielleicht Haschisch?“
Wunderbar. Ob er dieses auch von offiziellen und seriösen Händlern erhält?

Die Findigkeit der Menschen, um an das Geld der Besucher zu kommen ist wirklich erstaunlich. Beispielsweise scheint es Menschen zu geben, die den ganzen Tag lang in bestimmten Gebieten hin- und herlaufen. Allerdings nicht ziellos, sondern auf der Suche nach einer mehr oder weniger hilflosen Touristengruppe, denen sie den Weg weisen können. Leider wird man nicht gefragt, ob man auch wirklich gewiesen werden möchte. Schwuppsdiwupps hat man ein Anhängsel, das einem in irgendwelchen Sprach-Mischmasch etwas über die Gegend erzählt. Es ist uns mehr als einmal passiert, dass wir dann am Ende eine erzürnte Person hatte, die sich darüber aufregte, dass sie von uns nur 2€ für eine Hilfestellung bekommt, die wir überhaupt nie erwünscht hatten. Einmal sind wir auf der Suche nach der Synagoge dann zu diesem jüdischen Friedhof gekommen. Wegen seiner Ausmaße und seiner Anonymität war er sehr beeindruckend. Die wenigsten Gräber hatten nämlich Inschriften, da diese durch Verwitterung in einigen Bereichen sämtlich nicht mehr vorhanden waren.
jüdischer Friedhof

 

Mittagessen
Ein vom UNESCO-Weltkulturerbe geschütztes Gebiet ist der Platz Jamaa el Fna. Es ist zwar anstrengend über diesen Platz zu laufen, weil links und rechts Hände an einem zerren. Nichtsdestotrotz fühlt man sich kopfüber in eine andere Welt hineingeworfen. Wo sonst werden die Präsenzen von Schlangenbeschwörern mit trommelnden und tanzenden Einheimischen sowie Zukunftssehern, Verkäufern frischen Orangensafts und Grillhähnchenbuden-Mitarbeitern vermischt?



Da ich selber nur mittelmäßige Fotos von diesem Platz habe, hier mal ein Eindruck aus einem Internet-Foto (die bisherigen waren alle Originale!):

Ansonsten hat Marrakesch noch einige schöne Palacios zu bieten. Das sind vom Typ her sehr unterschiedliche Gebäudekomplexe - einige sind Ruinen, bei anderen handelt es sich um schöne Grünanlagen.
Palacio Badi



TAG 7 & TAG 8

Schon mal das Gefühl gehabt, sehr lange auf etwas gewartet zu haben, was der Mühe und Kosten nicht wert war? Oh richtig, ihr seid alle schon einmal mit der Deutschen Bahn gefahren. Aber unabhängig davon?

Nun, wir saßen stundenlang im Auto. Um am Ende etwas Sand zu betrachten.

Aber von vorne:

Für den fairen Preis von 42€ sind wir alle gemeinsam den Weg zur Wüste angetreten. Dafür bekamen wir einen wunderbar knuffigen, sehr netten Fahrer und ein Auto, in dem neben unserem Chauffeur noch exakt 17 weitere Personen Platz hatten.

Die Fahrt ging nach Zagora, was schon relativ nahe an der Wüste liegt. Aber eben nur relativ nahe. Jedem, der von Marokko aus eine Wüstentour unternimmt kann ich nur raten, einen mehrtägigen Wüstenaufenthalt einzuplanen.

Meine Vorstellung war jene: Einmal in meiner Daseinsfrist, fernab von jeder Zivilisation in vollkommener Abgeschiedenheit und Ruhe, das Leben unter einem funkelnden Sternenhimmel und umgeben von nichts Revue passieren lassen.
Die Realität: Zwei-Stunden-Kamel-Tour, von der die erste Stunde über einen ab und von Autos befahrenen Feldweg führte. Wtf? Als wir an unserem Camp ankamen, hat man immer noch die Lichter der ringsum liegenden Behausungen gesehen. Der Sand war zwar tatsächlich fein, aber durch die umliegenden Felsen kam nicht DAS Wüsten-Feeling auf. Und die "Wüstenführer", die dann noch ein wenig lustige Trommelmusik spielten, waren wohl auch nichts anderes als die Jungs aus dem gemeinsamen Freizeit-Fußball-Verein. Seis drum. Schön war es trotzdem. Aber ich komme zurück.

Und meine Vorstellung des Aufenthalts in einem absolut naturbelassenen Gebiet kann ich ja glücklicherweise spätestens in 9 Monaten mit Kai im Sarek (in Nordschweden) umsetzen.





Abendessen

Hühnchen-Tajin

Abendliches Trommeln

unser Camp

Frühstück im Zelt

 
 



Da meine Schreiblust langsam nachlässt, werde ich das absolute Highlight meiner Marokko-Reise nur in einigen Bildern abhandeln. Am mit Abstand wunderschönsten empfand ich nämlich die Hin- und Rückreise zur Wüste. Um von Marrakesch zum Ort Zagora zu kommen, von wo aus viele Wüstentouren starten, überquert man auf wahnsinnig gewundenen Serpentinenstraßen stundenlang das Atlas-Gebirge. Bei der Betrachtung dieser ganzen Weite und dem Anblick einiger einsamer Schafstreiber bin ich ganz nachdenklich geworden. Ich friste hier in Europa meine Existenz, der Schafshüter in den Bergen von Marokko eine gänzlich andere. Und doch leben wir beide vermutlich ein ähnlich glückliches oder unglückliches Leben. Wie unterschiedlich unsere Bedürfnisse wohl sind. In welchen verschiedenen Details sich für uns Glück äußert. Wovon wir jeweils träumen. Wie oft er wohl an das westliche Leben denkt? Welche Vorstellungen er hat?
Ich weiß es nicht. Aber es war schön, sich so klein zu fühlen. Und frei. Aber seht selbst.










Nach der Rückkehr sind wir abends traditionell essen gegangen. In der Ville Nouvelle gibt es nämlich einen McDonalds. Da könnte man glatt vergessen, dass man sich in einem anderen Land befindet. Toll.



TAG 9...

...bestand darin die letzten Dirham auszugeben. Diese marokkanische Währung hatte zu diesem Zeitpunkt einen Kurs von 1:11. Für 11 Dirham erhält man einen Euro. Mal sehen ob das irgendwann einmal umgekehrt sein wird.

Ansonsten wäre da noch der reibungslose Rückflug zu erwähnen.

So, jetzt bin ich gespannt, wie viele Leute sich am Ende wirklich durch den ganzen Blog-Artikel gebissen haben werden. Ihr dürft gerne einen Kommentar hinterlassen.

Mein nächster Blog-Artikel wird vermutlich meine zweieinhalb Wochen währende Zeit in Berlin über Weihnachten und Neujahr resümieren. Für jegliche Sylvester-Ideen bin ich vollkommen offen. Immer her mit Vorschlägen.

Grüße,
Marcus

Freitag, 2. Dezember 2011

01.12.2011; 5 Uhr morgens
Blog-Artikel schreibt man immer dann, wenn man emotional durch irgendetwas aufgewühlt wurde. Hierbei kann das verursachende Gefühl letztendlich von jedem einzelnen Spektrum des menschlichen Empfindens stammen: Überraschung, Trauer, Euphorie.

Bei mir ist es gerade…eine Mischung aus tiefster Resignation und einer nicht begründbaren guten Laune.
Vamos a ver… Mittwoch. Mittwoch ist hier mehr oder weniger DER Erasmus-Tag. Dies hat weniger etwas damit zu tun, dass man am selbigen Tag spektakulärer weggehen kann. Der einzige Grund ist, dass die (einzig) offizielle Erasmus-Organisation kreativsprudelnde Feste wie „Fiesta Alemana“ oder „Fiesta Francesa“ feiert.
Heute war ein anderes Land dran. Das Land der Biertrinker, das bekanntermaßen als eines der wichtigsten Grenzländer mit Deutschland in Kontakt steht. „Champion’s Beer in Caramelo“…so oder so ähnlich nannten die Organisatoren die einzigartige Veranstaltung. Inhalt: Wetttrinken. Wie aufregend.

Nun, ohne Intention am Wettkampf der Giganten teilzunehmen, wurde ich von einem herzlichen Menschen aus Zentralafrika eingeladen, in seinem Team mitzumischen. Mit dabei waren ein Mexikaner, ein Brasilianer und er selbst. Wie kann man da noch das Herz besitzen, nein zu sagen. Als dieser bunte Haufen traten wir also gegen die anderen 15 Teams im KO-System an. Trotz der wirren Zusammensetzung waren wir erstaunlich gut.
Hier kommt nun das erste (kleinere) Ärgernis des Abends: uns wurden Wiederholungen abverlangt. Gewonnene Runden mussten aus kaum logisch(!) ersichtlichen Gründen wiederholt werden. Wer schon einmal innerhalb von wenigen Minuten nicht nur einen halben, sondern einen ganzen Liter Bier verarbeiten durfte, wird wissen, dass das ein ziemliches Gesellenstück ist.
Nachdem dies ein zweites Mal vorkam, hat sich meine Mannschaft heroisch dazu entschlossen, zum Startschuss des (wiederholten) Halbfinales die Bühne unter Verbeugungen und dem vollen Bier in der rechten Hand zu verlassen. Welch Anmut!

Kaum stolz von dieser Heldentat zurückkehrend erwartete mich eine Freundin mit der Frage „sage mal, wo sind deine Sachen nochmal“? Wie üblich in spanischen Clubs war ich – entgegen der tatsächlichen Gegebenheiten – der Meinung, dass es keine Umkleidegarderobe gab. Dementsprechend hatte ich meine Kleidung ursprünglich auf eine Bank verfrachtet. Nun, nicht meine gesamte Kleidung, aber doch zumindest Jacke und Pullover. Meine Antwort war: „Hm, sind dort drüben.“ Tatsache: weit gefehlt. Nüscht war da. Meine Informantin teilte mir mit, dass sie „irgendso einen Typen“ aus dem Club hatte gehen sehen mit einem roten Pullover am Körper. Natürlich war sie sich in dem Moment nicht sicher und hat ihn nicht darauf angesprochen (verständlich!). So konnte der Dieb entspannt und wohlig warm nach Hause laufen, während ich bibbernd im Hemd auf dem Fahrrad nach Hause fuhr.
Glücklicherweise erinnerte ich mich an die Kampfsport-Lektionen meines Mitbewohners und spannte wie ein Bodybuilder (nur unendlich viel lächerlicher als ein solcher) meine Muskeln an. Und tatsächlich: es half. Nach ein paar Minuten auf dem Fahrrad wurden alle (für das Fahrradfahren) relevanten Körperteile durchblutet und mir war nicht mehr kalt.

Was so schlimm daran ist, wenn mir Jacke und Pullover abhandenkommen? Punkt 1: Ich bin ein Junge. Ich habe zwei Laptops. Zwei externe Festplatten. Zwei Handys. Demgegenüber stehen (bzw. standen): eine Jacke und zwei Pullover, von denen ich nur einen wirklich mochte. Zumindest der Jacken-Counter erreichte mit selbigem Tage die Null. Großartig. Punkt 2: ich hasse es einkaufen zu gehen. Punkt 3: Wenn man so wenige Kleidungsstücke besitzt, dann entwickelt man ihnen gegenüber eine Beziehung.

Mal sehen ob ich die Trauer überlebe.
Glücklicherweise hat mir eine Freundin heute dabei geholfen, die dahingeschiedenen durch neue Exemplare zu ersetzen.

Genug palavert.

Schönen Tag,
Marcus

PS: nächstes Update nachdem ich nach 9-tägiger Reihe aus Marokko zurückgekehrt sein werde.
26.11., 2 Uhr morgens

2 Uhr morgens - Schlafenszeit?
Nun, ich muss etwas gestehen: mein Leben hier gestaltet sich ablaufmäßig etwas anders. Vor um 3 Uhr komme ich eigentlich nie ins Bett und dementsprechend stehe ich auch meist erst irgendwann zwischen 9 und 11 Uhr auf, je nachdem wie un-Erasmus-freundlich meine Kurse liegen. Allerdings wird man hier auch dazu gedrängt, nach einer anderen inneren Uhr zu funktionieren.

Vielleicht ist es für viele keine Neuigkeit, aber ich möchte es dennoch einmal betonen: vor um 2 Uhr braucht man in Sevilla nicht erwarten in einem Club viele Menschen anzutreffen. Vielleicht kann man mit einer Wärmelichtkamera ein paar einzelne Exemplare orten. Dabei handelt es sich dann meist um die Spezies der Erasmus-Studenten, die nur bis 1:30 Uhr kostenlosen Eintritt erhalten. Die Diskotheken füllen sich üblicherweise erst später. Einmal habe ich bis um 6:30 Uhr ausgeharrt, in einer normalen Diskothek (ich rede hier nicht von einer Elektrospelunke!) an einem Donnerstag ohne folgenden Feiertag. Die Lokalität war nach wie vor ordentlich gefüllt, auch wenn tatsächlich schon einer der drei Dancefloors geschlossen wurde. Sollte ich eines Tages darin reüssieren, als letzter rausgeworfen zu werden, dann werde ich das mit einem eigenen Blog-Artikel würdigen. Nein Mann - Ich will noch nicht GEH'N - Ich will noch 'n bisschen TANZEN! Komm schon, Alter...

Ihr wollt ein weiteres Beispiel für den Tagesablauf? Nun, mein Salsa-Kurs fand anfänglich von um 23 Uhr bis um 1 Uhr statt. Wer mir einen zeitlich ähnlich gelagerten Kurs in Deutschland bieten kann, der bekommt ein ganz duftes Bienchen von mir.
Wenn ich schon beim Tagesablauf bin, darf ich vermutlich die berühmt-berüchtigte Siesta nicht unerwähnt lassen. Ja. Die Spanier hier im Süden haben sie wirklich. Ja, auch jetzt im Herbst/Winter, wo absolut keine Notwendigkeit für das Ganze besteht.
Es geht soweit, dass man zwischen 14 Uhr und 17 Uhr Probleme hat, IRGENDETWAS zu kaufen. Die großen Supermarkt-Ketten und die großen Modetempel erbarmen sich glücklicherweise zu einer durchgängigen Öffnungszeit. In allen anderen Einrichtungen jedoch - inkl. der Universität und der absoluten Mehrheit an Verkaufsläden - ist Flaute. Einzig in Tapas-Bars herrscht zu diesem Zeitpunkt Hochkonjunktur.

Es wurde das Wort "Supermarkt" erwähnt. Wenn ich das nicht geschickt eingeflochten habe! Mein innigster Wunsch wurde nämlich erhört: endlich einmal nur 20 Meter zum nächsten Supermarkt laufen. Interessant war allerdings die Umsetzung. Entgegen der tief verwurzelten andalusischen Gemütlichkeit wurde nämlich innerhalb von kürzester(!) Zeit ein Supermarkt namens "Día" aus dem Boden gestampft. Erstaunlich ist das deshalb, weil kein Mensch in unserer Straße etwas davon mitbekommen hat. Es war nur irgendwann einmal ohne Vorwarnung ein Schild zu lesen "hier eröffnet am 24.11. ein Día". Das war sieben Tage vor Ladeneröffnung. Wenn die Spanier in allen Bereichen ihrer Wirtschaft so effizient wären, müssten die Moody's und Standard&Poor'ys dieser Welt jenseits von Aplusplusplus eine weitere Kategorie einführen. Die Kategorie "Supermarkt-Erbauer" oder so.

Abends 22 Uhr vor der Eröffnung am nächsten Tag
Interessanterweise war der Markt bereits 3(!) Tage vor Eröffnung komplett eingerichtet. Dazu gehört auch die Frischobst- und Gemüseabteilung. Wenn das mal nicht Appetit macht!
Erinnern tut mich all das daran, dass mal ein Bekannter von mir erzählte (ich glaube Tom), dass Lidl zum Teil eigentlich rentable Supermärkte schließt, abreißt und innerhalb von kürzester Zeit 50m weiter einen neuen Lidl-Markt eröffnet. Wozu das Ganze? Um die Belegschaft zu entlassen und gleichzeitig zu schlechteren Lohnbedingungen wieder neu einzustellen. Es handelt sich ja schließlich um einen anderen Markt.
Auch wenn ich immer noch skeptisch bin, ob sich das wirklich rentiert... an das Hochziehen von Einkaufstempeln in Augenblicken glaube ich nun zumindest.
Im Übrigen ist Lidl in Andalusien neben den spanischen Marken Día, Mercadona und M.A.S. erstaunlich präsent. Aldi gibt's auch. Da soll es Spekulatius geben. Mhhhh....


After all, I'm HAPPY again. Sevilla hatte ein ganz hässliches Tief zu verzeichnen. Dieses führte dazu, dass das Wetter die letzten Wochen zwar immer noch ausreichte, um jeden in Deutschland Zurückgelassenen grün vor Neid zu machen, aber meine sich entwickelnde spanische Persönlichkeit hätte sich doch etwas besseres Wetter gewünscht. Die letzten Tage war es tagsüber allerdings wieder wunderbar: 20 Grad im Schatten und in der Sonne noch ein wenig mehr. In der Nacht kratzt die Umgebung leider an dem einstelligen Gradbereich. Noch zeigt meine Tablet-Application zwar 10 Grad an, aber ich befürchte, dass sich innerhalb der nächsten nächtlichen Stunden, die ich noch mit Wachsein verbringen werde, meine Nasenhaare entschließen zusammenzufrieren.
Ich kanns nicht lassen. Tut mir leid. Ich weiß, dass ich Glück habe.

Es ist übrigens so, dass in der Tat einige Sevillaner noch nie Schnee gesehen haben. Die letzten 60 Jahre sind etwaige Flocken jeweils an der leidenschaftlichen Hülle von Sevilla, die es noch mal einige Grad wärmer macht, gescheitert. In der Umgebung meiner Stadt durfte ich allerdings mit wahrhaftigen Schnee-Zeugen reden. Vor 2 Jahren war es offensichtlich doch mal etwas kälter als sonst.

WIRKLICH glücklich war ich allerdings, als meine wunderbare Freundin mich in der letzten Woche für ein paar wenige Tage besuchen kam. Nach all der Geduldszeit waren unsere uns repräsentierenden Bären wieder vereint und der in Berlin verweilende Marcus-Bär durfte sich nach all der Zeit das sagenhafte Sevilla aus nächster Nähe mit seinem weiblichen Gegenstück anschauen. Meine Identität wird im Übrigen durch die roten Schuhe dargestellt. Schön, wenn man so sehr auf sein Äußerliches reduziert wird. Die Version 2.0 hat wahrscheinlich ein rotes Hemd!

Die beiden Bären sehen sich Anfang September ein letztes Mal. Während Frau Bärin in den Flieger nach Sevilla steigt muss Marcus-Bär sein Dasein in Berlin fristen.
Kurz vor der Ankunft ist die Euphorie groß...
... und nach einem gemeinsamen Betrachten des Sonnenunterganges (in Form der Deckenbeleuchtung)...
...machen sie es sich gemeinsam auf dem Sofa gemütlich.
Nach der Abreise ist laute Musik dabei behilflich, auf andere Gedanken zu kommen.
Ich danke für die wunderschöne Zeit. Ich denke sie war ein starkes Indiz dafür, dass Fernbeziehungen auch unter diesen Bedingungen standhalten können. Was - wenn man mal links und rechts schaut - jedoch beileibe nicht bei jedem Erasmus-Pärchen der Fall ist. Obwohl Deutsche in meiner eigenen Observations-Statistik auffällig gut abschneiden. Südeuropäische Bewohner (Spanier, Italiener) nehmen es da üblicherweise nicht ganz so genau.

Ich freue mich auf Weihnachten. Auf Schnee. Auf Menschen, die meine Sprache nutzen. Auf Vertrautheit.
Und bin trotzdem traurig, dass schon mehr als 40% meiner Zeit hier vergangen sind. Qué pena!

Bis bald mal wieder,
Marcus

PS: noch ein paar Bilder von einem gemeinsamen Festschmaus mit Kommilitonen in einem echt spanisch eingerichteten Haus mit einem Haufen an Dekorationsmöbeln:
Welch Anblick!

Let's rip it!

Gracias para el almuerzo fantástico!

Samstag, 26. November 2011

Spätestens mit dem zurückliegenden Wochenende vom 12.11. bis zum 14.11. darf man mich mit gutem Recht als verwöhnt bezeichnen. Schließlich habe ich schon wieder "Urlaub" gemacht, nachdem ich bereits in der vorangegangenen Woche Barcelona unsicher gemacht habe.
Diesmal durfte Lissabon meine Anwesenheit ertragen. Im Gegensatz zu Barcelona waren wir diesmal allerdings eine deutlich größere Truppe. Mit einem Polen, drei Polinnen, zwei Italienerinnen, einem Chilenen, einem Deutschen, einer Österreicherin und einem Amerikaner warteten auf Interessierte mit der Frage "So where are you from?" meist eine längere Antwort als beabsichtigt.

unsere Reisetruppe
Das Zustandekommen der Fahrt zeigt einmal mehr, dass es sich lohnt kommunikativ und spontan zu sein. Wir (meine Reise-Italienerin; siehe Barcelona; sowie mein Amerikaner; siehe im nach wie vor nicht vorhandenen
Marokko-Artikel :) ) hatten am Dienstag die Idee begraben nach Lissabon zu reisen. Just an diesem Tage habe ich eine Österreicherin getroffen, mit der ich über das Reisen sprach. Es stellte sich heraus, dass sie mit FreundInnen ironischerweise gleichzeitig am Vorbereiten eines Lissabon-Wochenendes war. Und - fast schicksalshaft - waren noch Plätze frei, die ich schnell mit meiner Wenigkeit und zwei Freunden (dem Amerikaner und der Italienerin) besetzte.

In dieser illustren Runde begannen wir am Samstag die Reise in zwei Mietautos. Diese hatten einen Basispreis, bei dem man eigentlich nur an Dumping denken kann: 25€! Mit den Zusatzkosten für die unter-25-jährigen Fahrer, dem besten Versicherungsschutz und sonstigen Späßen waren wir nichtsdestotrotz nur bei etwas mehr als 15€ pro Person. Von Samstag- bis Dienstagmorgen!
Bei diesen Nebenkosten erscheinen viele andere Transportvarianten für bestimmte Ausflüge (mit verhältnismäßig wenig Kilometern, aber vielen Zwischenstopps) angesichts der verbesserten Mobilität auf einmal recht unattraktiv.

Faro ist ein kleiner Ort an der Südküste Portugals, die den Sonnenanbetern unter euch wohl eher als "Algarve" bekannt ist. Auf unserer Fahrt nach Lissabon entschieden wir uns hier für einen Zwischenstopp.
Beschaulich ist der Ort zweifelsohne. Nun weiß ich jedoch wahrlich nicht ob es an uns lag oder an der eher touristenunfreundlichen Jahreszeit: Trotz bester Samstagszeit und bestem Wetter mangelte es an Menschen. Mir kam die Stadt ein wenig wie eine Geisterstadt vor. Weniger wie eine aus der Goldgräberregion in den USA. Dort gibt es ja tatsächlich ganze Orte, in denen niemand mehr wohnt. Allerdings wirkte sie wie ein süßes, kleines Küstenstädtchen, das irgendwann aus welch Gründen auch immer leergefegt wurde. Dazu trug bei, dass so gut wie alle Fensterläden zugesperrt waren und es viele renovierungsbedürftige Häuser gab.


Als wir an einem der letzteren vorbeikamen, erfuhren wir, dass der leibhaftige Casanova in unserer Reisegruppe mitgereist war. Als wir nämlich an einem kleinen Gehöft vorbeikamen, wurde unser Chilene magisch vor ein Schild gezogen, dass ihn als rechtmäßigen Besitzer kennzeichnete. Unsere Mädels wurden durch eine unsichtbare Hand geleitet in seine Richtung befördert, ohne sich gegen diesen Impuls wehren zu können. Welch Leben!



Lissabon hat einen ganz eigenen Charme. Zwar hat es weniger Must-See-Sehenswürdigkeiten als Barcelona, aber dafür ist die Lage der Stadt relativ ungewöhnlich. Es ist nicht nur die westlichste Großstadt Europas, sondern zudem die einzige westeuropäische Hauptstadt, die am Ozean liegt. Hinzu kommt, dass Portugal nur für jene Fahrradfahrer geeignet ist, die zumindest schon einmal im Besitz des gelben Trikots haben. Man sagt nämlich, dass die Stadt auf sieben Hügeln erbaut ist. Dementsprechend geben alle möglichen Aussichtspunkte (portugiesisch: miradour) wunderschöne Blicke auf die gesamte Stadt preis.

Das Lissaboner Nachtleben spielt sich in außerordentlich engen Gassen ab und besteht aus einem recht großen Barviertel. Bei der kostenlosen Stadtführung von Panchotours erfuhren wir, dass die Leute hier selbst im Winter ohne Pullover auskommen. Das liegt nicht etwa daran, dass die Temperaturen nicht auch einmal den einstelligen Zahlen zustreben. Noch viel weniger liegt es an einer vermuteten Wärmeresistenz der Lissaboner. Alle Südländer würden angesichts ihrer Frösteligkeit jeden Warmduscher Deutschlands cool aussehen lassen. Es ist jedoch so, dass in den engen Straßen so viele Menschen seien, dass die alleinige Präsenz anderer Körper für eine spürbare Erhöhung der Umgebungstemperatur sorgte. Strecke man die Hand aus der Menge, dann solle man sich lieber einen Handschuh anziehen, weil die Gradzahl spürbar abnähme.
Ob das Ganze stimmt, kann ich euch leider nicht sagen. Auf jeden Fall würde ich mich als 1,90m-Mensch durchgängig benachteiligt fühlen. Während meine Ohren einen Heldentod stürben, kuschelte der Großteil meiner Mitmenschen wohlig in der Menschenmasse. 

Ein weiterer Bar-Area-Fakt: man sollte sich zum frühen Morgen hin eher in einer hochgelegenen Bar befinden. Die Steigung führt nämlich zu einem unangenehmen Gravitationseffekt, bei dem die (meist männlichen) Bedürfnisse zu regelrechen kleinen Bächen (wenn nicht gar Kanalsystemen) führen. Der Effekt soll durchaus riechbar sein. Auch dies kann ich nicht mit eigenen Erfahrungen belegen!

So haben wir also den ersten Abend streunernd in der Lissaboner Nachtgegend verbracht. An einem zentralen Monument, trainierten wir unsere Gesichtsmuskeln darauf, Emotionen darzustellen. Ob wir dabei erfolgreich waren? Nun, es gibt viele Fotos. Hier nur ein Ausschnitt.

Einige Sekunden nachdem wir entdeckten, dass das Hopfengetränk auch in Spanien bekannt ist.

Das sieht stark nach der Zentripetalkraft aus, die man im Karussell erlebt.
 

Freestyle
Auf unserem Weg durch die Nacht kamen wir auch an einem Teil DES Wahrzeichen Lissabons vorbei - der schon 100 Lenze zählenden Straßenbahn. Da ich es leider nie lassen kann ein bekletterbares Objekt auszulassen, hat mich meine Neugier auch in diesem Falle nach oben getragen:

Auch als Sänger habe ich die höchsten Höhen musikalischer Töne erklommen:


Am nächsten Tag (dem Sonntag) erkundeten wir die Stadt. Eigentlich hatten wir an der kostenlosen Stadtführung teilnehmen wollen, die dann aber unter anderem an der üblichen mangelhaften Gruppendynamik gescheitert ist. Eine Erwachsenengruppe von zehn Menschen ist deutlich schwerer zu führen als eine Kindergartentruppe mit 50 Quenglern! Das Mitnehmen einer vernünftigen Karte, um rechtzeitig zum Bestimmungsort zu kommen, hätte auch geholfen.
Man muss dies jedoch fast als Glück bezeichnen. Sämtliche von der UNESCO geschützten Weltkultur-Gebäude ("sämtlich" heißt in meinem Neusprech: zwei) waren kostenlos. Dazu gehören ein ehemaliges Kloster, Jeronimo's Monastery, und ein alter Turm, der Belem Tower.
Jeronimo's Monastery
Auf dem Weg vom einen zum anderen haben wir wieder unsere schauspielerischen Fähigkeiten bemüht. Wer stellt wohl wen dar?

Der Belem-Turm wurde bereits im 15. Jahrhundert direkt am Ufer errichtet...
... und führt über enge Gänge...
...nach oben zu einer schönen Aussicht:

Hernach besichtigten wir ein Museum of (mostly Modern) Art - Museu Coleccao Berardo. Hierbei beeindruckte mich eine Ausstellung sehr, auch wenn ich ja bekanntermaßen für Kunst nicht immer viel übrig habe. Es handelte sich um einen Künstler namens Vik Muniz, der typischerweise Alltagsgegenstände so arrangiert, dass sie neue Bilder ergeben. Klingt wie kalter Kaffee? Fahrt nach Lissabon und schaut euch an, was für zauberbare und wunderhafte neue Dinge er aus Schrottmüll, Kaviar und Sand erschafft.
 
Von allen Lissabonkennern wurde mir nahegelegt, den "Fado" nicht zu verpassen. Hierbei handelt es sich um einen traditionellen Gesang, den es eigentlich nur in Portugal gibt. Der Gesang handelt üblicherweise von den Leiden des portugiesischen Volkes - Liebeskummer und Weltschmerz vereint zu einer Musik, die die Gefühle in den Vordergrund stellt. Mit dem Export hatten die Portugiesen dabei weit weniger Erfolg als zum Beispiel die Spanier mit dem Flamenco oder die Deutschen mit dem Automobil.
Schön wars - aber Flamenco ist besser!
Am Montagnachmittag haben wir uns nach der Stadtführung relativ spontan dazu entschieden, nach Sintra zu fahren. Unser Guide hatte uns nämlich durch die Aussage, dass "viele Lissabon-Touristen Sintra als eine ganz andere Welt" bezeichnen würden, neugierig gemacht.

Wir sind in Sintra erst gegen 18 Uhr angekommen. Die Tatsache, dass uns dadurch wenig Zeit mit Tageslicht verblieb war nicht wirklich ein Problem. Dieser kleine beschauliche Ort ist wahrhaft schön und dies wurde durch das dämmernde Licht nur noch mehr verstärkt. Fernab eines Großstadt-Dschungels kann man hier sehr gut träumen. Für mich, der ich die vorigen Wochen sehr viel Stadtgrau gesehen hatte, war es eine erholsame Abwechslung Zeit in Sintra zu verbringen. Anschließend ein paar Bilder.

Stadtzentrum


Fast-die-Niagarafälle
der Fels in der Brandung
wunderschönes Anwesen (wenn auch das Bild das nicht wiedergeben kann)

Blick über Sintra


Nach einigen Problemen auf der Rückfahrt - erwähnte ich schon, dass die Straßenführung von Portugal besch..eiden ist? - sind wir Montagnacht gegen 2 Uhr wieder angekommen. Die Tour war nicht nur wunderschön, sondern wir haben auch entgegen meiner Erwartung sehr viel von der Stadt mitgenommen und haben wenige der Attraktionen ausgelassen. Zehn Leute sind zwar wahrhaftig viele, aber die Gruppenzusammenstellung war so harmonisch, dass es allen gefallen hat.
Durch die Erbauung in einem solch gebirgigen Gelände direkt am Meer ist Lissabon schon etwas sehr Individuelles und eine kurze Reise hierher kann ich nur empfehlen. Danach sollte man vielleicht nach Andalusien weiterreisen. Sagen wir nach... puuuuh... Sevilla!

Bis demnächst,
Marcus

Mittwoch, 9. November 2011

04.11.2011 bis 07.11.2011

"Das macht einen Mords-Gaudi." Diese Aussage erhält in Barcelona eine vollkommen neue Bedeutung. Gaudí wird vom gesamten touristisch vereinnahmten Sehenswürdigkeiten-Sektor Barcelonas als Messias gefeiert und gilt - wie in Barcelona immer wieder zitiert wird - allgemeinhin als eines der größten Universal-Genies aller Zeiten. Gaudí wirkte zur Wende des 19. und 20. Jahrhundert in der sogenannten "Modernista"-Kunstepoche.
Nun, ob er zu einem anderen Zeitpunkt als farbenfroher Spinner verlacht oder ob er jederzeit als Genie betrachtet worden wäre kann ich mit meinem bezüglich bildender Künste bzw. Architektur nicht vorhandenen Wissen leider nicht einschätzen. Fakt ist jedoch eins - er macht alles anders. Seine "Werke" (darunter befinden sich einige Wohnhäuser, ein Park und sogar eine monumentale Kirche) sind so wunderbar erfrischend unkonventiell, farbenfroh und märchenhaft, dass man wahrhaftig das Gefühl hat, man befände sich auf einem weit von der Erde entfernten Ort, beispielsweise in einem Roman von Michael Ende. Das wohl auffälligste ist, dass Gaudí gerade Linien ebenso meidet wie viele Erasmus-Studenten die Vorlesungen. Ebenso bindet er wahnsinnig viele Dinge aus Fora und Flauna in seinen Gebäuden ein. Die Natur wird von ihm selbst auch als seine Haupt-Inspirationsquelle bezeichnet. Das ist nicht zu übersehen.
Selbst Gaudís Kirche - die als Sagrada Familia das bekannteste Wahrzeichen Barcelonas ist - beinhaltet alle diese Charakteristika. Ich muss mir heute selbst eingestehen, dass ich noch nie von einer Kirche wirklich beeindruckt war. Die Sagrada Familia jedoch hat mir mehr als einen Laut des Erstaunens entlockt. Absolut faszinierend!



Barcelona ist wahnsinnig teuer. Selbst inkl. der Inanspruchnahme von Studentenrabatten haben wir an drei Besuchstagen pro Person etwa 50€ an Eintritten ausgegeben. Würde Gaudí heute noch leben und mit 10% an den Einnahmen beteiligt werden, so wäre er sicherlich einer der absolut reichsten Männer Spaniens. Schön ist die Aussage der (vielfach privaten) Besitzer der Gaudí-Gebäude: "Wir werden *schluchz* leider nicht durch Subventionen der Regierung unterstützt. Wir danken Ihnen vielmals, dass Sie mit Ihrem Besuch dazu beitragen, dass Gaudís Geschenke an die Menschheit erhalten bleiben können."
Dass von den 15€ Eintritt angesichts der Tausenden Besucher wohl kaum mehr als 1€ in die Instandhaltung und die Bezahlung der übersichtlichen Anzahl des Personals gehen, wird nicht erwähnt. Ich möchte eine Ergänzung machen: "Wir danken Ihnen vielmals, dass [...] beitragen, dass die luxuriösen Geschenke an meine Gattin und meine nimmersatten Kinder weiterhin gemacht werden können."

Für mehr Ehrlichkeit im Kapitalismus!

Noch eine Bemerkung: Warum sollte man von einem Konzerthaus wie dem Palau Museum de la Música Catalana keine Bilder machen dürfen? Weil es sich in "privater Hand" befindet und sämtliche Bilder privates Eigentum sind! Ob das zukünftig auf meine Erinnerungen ausgeweitet wird und ich nach dem Besuch des Opernhauses "geblitzdingst" werde?
Glücklicherweise bin ich ein skrupelloser Rüpel, der heimlich doch ganz viele Aufnahmen gemacht hat. Womit ich übrigens nicht allein auf weiter Flur war. Ein sympathischer älterer Herr mit grauen Haaren hat es mir gleichgetan und hat nach jeder Raum-Besichtigung noch lange im Selbigen verweilt, bis die gute Reiseführerin entschwunden war.

...dieses Bild gehört den Besitzern des Palau Konzertsaales, auch wenn ich der Fotograf bin. Ich habe es mir nur kurz ausgeliehen...


Empfehlen kann ich trotz der gepfefferten Preise einen Besuch von Barcelona allemal, allein schon wegen der einzigartigen Gebäude. Vergleichbar ist das Ganze nur mit Hundertwasser-Werken. Die Stadt zieht einem aber auch sonst das Geld aus der Tasche - in der Form von Diebstählen (immerhin ist Barcelona die Stadt Nummer 1 in Europa für "robberies"), Club-Eintritten von 20€ aufwärts und wahnsinnig teuren Tapas.

Tapas? Habe ich die schon einmal erwähnt? Ich gehe davon aus - es handelt sich um die berühmten Mini-Portionen, die die Spanier typischerweise in Restaurants bestellen. In Sevilla kostet so ein Tapa zwischen 1,80€ und üblicherweise nicht vielmehr als 2,50€. Daher bestellt man sich zwei, drei oder vier dieser oftmals vorzüglichen Kreationen und isst mehrere Köstlichkeiten auf einmal. Dazu ein kleines Bier für 1€ bis 1,20€ - fertig ist ein für die meisten bezahlbares Abendessen. (Wer mich kennt, kann sich meine Vorgehensweise vorstellen: vor dem Tapas-Essen nehme ich meistens zu Hause schon so viel zu mir, dass mir dann ein Tapa ausreicht. Für mich sind Tapas eher so etwas wie eine warme Nachspeise. Wenn ich mich hungrig mit Mini-Portionen herumschlagen müsste, würden sich die Tellerchen an meinem Tisch wohl so hoch stapeln, dass mein Gesicht nach der Hälfte meiner Tapas bereits hinter einer weißen Wand verschwinden würde).
Diese "Portiönchen" gibt es in Barcelona auch. Nur, dass einem bei einem Preis von 5€ der Appetit auf mehrere verschiedene Sachen vergeht. Auch von einem 1€-Bier kann man in Barcelona nur träumen.


Ein kleiner Tipp für Stadt-Reisende: in Barcelona gibt es - wie in fast jeder anderen großen europäischen Stadt - "free walking tours". Diese meist mit außerordentlich sympathischen und wahnsinnig kompetenten Reiseleitern bestückten Stadtführungen sind eine absolute win-win-situation. Man bezahlt am Ende in Form von Trinkgeldern so viel wie man gerne bezahlen möchte. Angesichts der Menge an roten und blauen Scheinen, die am Ende der Tour in die Hand des Reiseleiters wandern, sollte ich vielleicht noch einmal meinen Berufswunsch überdenken. Es scheint sich zu lohnen!


"Johnny - la gente está loca". Dieser (musikalisch seltsame) Song beschreibt das Nachtleben in Barcelona. Laut der Aussage der hiesigen Austauschstudenten soll das auch wirklich der Fall sein. Im Sommer tanzend auf das Strandareal des Clubs gehen, wo einem von zwielichtigen Gestalten Tortillas verkauft werden um dann wieder zurück in den 2-, 3- oder 4-Floor-Club zurückzugehen: das klingt wunderbar. Schon vor dem Club-Besuch die Flasche mit Alkohol im Strand verbuddeln, um sich kostengünstig erfrischen zu können: sehr studentisch. Und in der Tat - die Räumlichkeiten waren jeweils recht schick. Leider hat das grausige Wetter (durchgängiger Regen für die gesamte Zeit) dazu geführt, dass wir alle mit nassen Schuhen im Club angekommen sind. Das ganze Rumgerenne in der Stadt (mind. 8 Stunden waren wir jeden Tag unterwegs) hat dann auch dazu geführt, dass wir die Aussage des ersten Satzes dieses Absatzes weder bestätigen noch widerlegen können. Fakt ist, dass eindeutig viel zu wenig Spanier zugegen waren.


Im Übrigen werde ich von nun an versuchen, ein paar mehr Bilder unterzubringen. Dem einen oder anderen könnte das bei der Lektüre dieser Zeilen schon aufgefallen sein. Mein Image-Counter ist immerhin bei 1300. Das schaffte meine italienische Reise-Begleiterin in Barcelona zwar fast in 3 Tagen, aber für mich ist es schon ein Wunder, dass ich überhaupt Fotos "schieße" (wo kommt eigentlich diese komische Redewendung her?).



Gaudi-Park


Gaudi-Park - Eingang

Wandgemälde in Barcelonas Kathedrale
Die Sagrada Familia droht von einem hungrigen Wesen verschluckt zu werden
Casa Batlló
Rückfassade der Sagrada Familia

Ausblick von dem oberen Teil der Sagrada Familia über Barcelona



Ansonsten bleibt mir nur noch eins zu sagen: Nutzt die Möglichkeit zu reisen! Es gibt so viel zu sehen!

Bis bald,
Marcus