Freitag, 2. Dezember 2011

01.12.2011; 5 Uhr morgens
Blog-Artikel schreibt man immer dann, wenn man emotional durch irgendetwas aufgewühlt wurde. Hierbei kann das verursachende Gefühl letztendlich von jedem einzelnen Spektrum des menschlichen Empfindens stammen: Überraschung, Trauer, Euphorie.

Bei mir ist es gerade…eine Mischung aus tiefster Resignation und einer nicht begründbaren guten Laune.
Vamos a ver… Mittwoch. Mittwoch ist hier mehr oder weniger DER Erasmus-Tag. Dies hat weniger etwas damit zu tun, dass man am selbigen Tag spektakulärer weggehen kann. Der einzige Grund ist, dass die (einzig) offizielle Erasmus-Organisation kreativsprudelnde Feste wie „Fiesta Alemana“ oder „Fiesta Francesa“ feiert.
Heute war ein anderes Land dran. Das Land der Biertrinker, das bekanntermaßen als eines der wichtigsten Grenzländer mit Deutschland in Kontakt steht. „Champion’s Beer in Caramelo“…so oder so ähnlich nannten die Organisatoren die einzigartige Veranstaltung. Inhalt: Wetttrinken. Wie aufregend.

Nun, ohne Intention am Wettkampf der Giganten teilzunehmen, wurde ich von einem herzlichen Menschen aus Zentralafrika eingeladen, in seinem Team mitzumischen. Mit dabei waren ein Mexikaner, ein Brasilianer und er selbst. Wie kann man da noch das Herz besitzen, nein zu sagen. Als dieser bunte Haufen traten wir also gegen die anderen 15 Teams im KO-System an. Trotz der wirren Zusammensetzung waren wir erstaunlich gut.
Hier kommt nun das erste (kleinere) Ärgernis des Abends: uns wurden Wiederholungen abverlangt. Gewonnene Runden mussten aus kaum logisch(!) ersichtlichen Gründen wiederholt werden. Wer schon einmal innerhalb von wenigen Minuten nicht nur einen halben, sondern einen ganzen Liter Bier verarbeiten durfte, wird wissen, dass das ein ziemliches Gesellenstück ist.
Nachdem dies ein zweites Mal vorkam, hat sich meine Mannschaft heroisch dazu entschlossen, zum Startschuss des (wiederholten) Halbfinales die Bühne unter Verbeugungen und dem vollen Bier in der rechten Hand zu verlassen. Welch Anmut!

Kaum stolz von dieser Heldentat zurückkehrend erwartete mich eine Freundin mit der Frage „sage mal, wo sind deine Sachen nochmal“? Wie üblich in spanischen Clubs war ich – entgegen der tatsächlichen Gegebenheiten – der Meinung, dass es keine Umkleidegarderobe gab. Dementsprechend hatte ich meine Kleidung ursprünglich auf eine Bank verfrachtet. Nun, nicht meine gesamte Kleidung, aber doch zumindest Jacke und Pullover. Meine Antwort war: „Hm, sind dort drüben.“ Tatsache: weit gefehlt. Nüscht war da. Meine Informantin teilte mir mit, dass sie „irgendso einen Typen“ aus dem Club hatte gehen sehen mit einem roten Pullover am Körper. Natürlich war sie sich in dem Moment nicht sicher und hat ihn nicht darauf angesprochen (verständlich!). So konnte der Dieb entspannt und wohlig warm nach Hause laufen, während ich bibbernd im Hemd auf dem Fahrrad nach Hause fuhr.
Glücklicherweise erinnerte ich mich an die Kampfsport-Lektionen meines Mitbewohners und spannte wie ein Bodybuilder (nur unendlich viel lächerlicher als ein solcher) meine Muskeln an. Und tatsächlich: es half. Nach ein paar Minuten auf dem Fahrrad wurden alle (für das Fahrradfahren) relevanten Körperteile durchblutet und mir war nicht mehr kalt.

Was so schlimm daran ist, wenn mir Jacke und Pullover abhandenkommen? Punkt 1: Ich bin ein Junge. Ich habe zwei Laptops. Zwei externe Festplatten. Zwei Handys. Demgegenüber stehen (bzw. standen): eine Jacke und zwei Pullover, von denen ich nur einen wirklich mochte. Zumindest der Jacken-Counter erreichte mit selbigem Tage die Null. Großartig. Punkt 2: ich hasse es einkaufen zu gehen. Punkt 3: Wenn man so wenige Kleidungsstücke besitzt, dann entwickelt man ihnen gegenüber eine Beziehung.

Mal sehen ob ich die Trauer überlebe.
Glücklicherweise hat mir eine Freundin heute dabei geholfen, die dahingeschiedenen durch neue Exemplare zu ersetzen.

Genug palavert.

Schönen Tag,
Marcus

PS: nächstes Update nachdem ich nach 9-tägiger Reihe aus Marokko zurückgekehrt sein werde.
26.11., 2 Uhr morgens

2 Uhr morgens - Schlafenszeit?
Nun, ich muss etwas gestehen: mein Leben hier gestaltet sich ablaufmäßig etwas anders. Vor um 3 Uhr komme ich eigentlich nie ins Bett und dementsprechend stehe ich auch meist erst irgendwann zwischen 9 und 11 Uhr auf, je nachdem wie un-Erasmus-freundlich meine Kurse liegen. Allerdings wird man hier auch dazu gedrängt, nach einer anderen inneren Uhr zu funktionieren.

Vielleicht ist es für viele keine Neuigkeit, aber ich möchte es dennoch einmal betonen: vor um 2 Uhr braucht man in Sevilla nicht erwarten in einem Club viele Menschen anzutreffen. Vielleicht kann man mit einer Wärmelichtkamera ein paar einzelne Exemplare orten. Dabei handelt es sich dann meist um die Spezies der Erasmus-Studenten, die nur bis 1:30 Uhr kostenlosen Eintritt erhalten. Die Diskotheken füllen sich üblicherweise erst später. Einmal habe ich bis um 6:30 Uhr ausgeharrt, in einer normalen Diskothek (ich rede hier nicht von einer Elektrospelunke!) an einem Donnerstag ohne folgenden Feiertag. Die Lokalität war nach wie vor ordentlich gefüllt, auch wenn tatsächlich schon einer der drei Dancefloors geschlossen wurde. Sollte ich eines Tages darin reüssieren, als letzter rausgeworfen zu werden, dann werde ich das mit einem eigenen Blog-Artikel würdigen. Nein Mann - Ich will noch nicht GEH'N - Ich will noch 'n bisschen TANZEN! Komm schon, Alter...

Ihr wollt ein weiteres Beispiel für den Tagesablauf? Nun, mein Salsa-Kurs fand anfänglich von um 23 Uhr bis um 1 Uhr statt. Wer mir einen zeitlich ähnlich gelagerten Kurs in Deutschland bieten kann, der bekommt ein ganz duftes Bienchen von mir.
Wenn ich schon beim Tagesablauf bin, darf ich vermutlich die berühmt-berüchtigte Siesta nicht unerwähnt lassen. Ja. Die Spanier hier im Süden haben sie wirklich. Ja, auch jetzt im Herbst/Winter, wo absolut keine Notwendigkeit für das Ganze besteht.
Es geht soweit, dass man zwischen 14 Uhr und 17 Uhr Probleme hat, IRGENDETWAS zu kaufen. Die großen Supermarkt-Ketten und die großen Modetempel erbarmen sich glücklicherweise zu einer durchgängigen Öffnungszeit. In allen anderen Einrichtungen jedoch - inkl. der Universität und der absoluten Mehrheit an Verkaufsläden - ist Flaute. Einzig in Tapas-Bars herrscht zu diesem Zeitpunkt Hochkonjunktur.

Es wurde das Wort "Supermarkt" erwähnt. Wenn ich das nicht geschickt eingeflochten habe! Mein innigster Wunsch wurde nämlich erhört: endlich einmal nur 20 Meter zum nächsten Supermarkt laufen. Interessant war allerdings die Umsetzung. Entgegen der tief verwurzelten andalusischen Gemütlichkeit wurde nämlich innerhalb von kürzester(!) Zeit ein Supermarkt namens "Día" aus dem Boden gestampft. Erstaunlich ist das deshalb, weil kein Mensch in unserer Straße etwas davon mitbekommen hat. Es war nur irgendwann einmal ohne Vorwarnung ein Schild zu lesen "hier eröffnet am 24.11. ein Día". Das war sieben Tage vor Ladeneröffnung. Wenn die Spanier in allen Bereichen ihrer Wirtschaft so effizient wären, müssten die Moody's und Standard&Poor'ys dieser Welt jenseits von Aplusplusplus eine weitere Kategorie einführen. Die Kategorie "Supermarkt-Erbauer" oder so.

Abends 22 Uhr vor der Eröffnung am nächsten Tag
Interessanterweise war der Markt bereits 3(!) Tage vor Eröffnung komplett eingerichtet. Dazu gehört auch die Frischobst- und Gemüseabteilung. Wenn das mal nicht Appetit macht!
Erinnern tut mich all das daran, dass mal ein Bekannter von mir erzählte (ich glaube Tom), dass Lidl zum Teil eigentlich rentable Supermärkte schließt, abreißt und innerhalb von kürzester Zeit 50m weiter einen neuen Lidl-Markt eröffnet. Wozu das Ganze? Um die Belegschaft zu entlassen und gleichzeitig zu schlechteren Lohnbedingungen wieder neu einzustellen. Es handelt sich ja schließlich um einen anderen Markt.
Auch wenn ich immer noch skeptisch bin, ob sich das wirklich rentiert... an das Hochziehen von Einkaufstempeln in Augenblicken glaube ich nun zumindest.
Im Übrigen ist Lidl in Andalusien neben den spanischen Marken Día, Mercadona und M.A.S. erstaunlich präsent. Aldi gibt's auch. Da soll es Spekulatius geben. Mhhhh....


After all, I'm HAPPY again. Sevilla hatte ein ganz hässliches Tief zu verzeichnen. Dieses führte dazu, dass das Wetter die letzten Wochen zwar immer noch ausreichte, um jeden in Deutschland Zurückgelassenen grün vor Neid zu machen, aber meine sich entwickelnde spanische Persönlichkeit hätte sich doch etwas besseres Wetter gewünscht. Die letzten Tage war es tagsüber allerdings wieder wunderbar: 20 Grad im Schatten und in der Sonne noch ein wenig mehr. In der Nacht kratzt die Umgebung leider an dem einstelligen Gradbereich. Noch zeigt meine Tablet-Application zwar 10 Grad an, aber ich befürchte, dass sich innerhalb der nächsten nächtlichen Stunden, die ich noch mit Wachsein verbringen werde, meine Nasenhaare entschließen zusammenzufrieren.
Ich kanns nicht lassen. Tut mir leid. Ich weiß, dass ich Glück habe.

Es ist übrigens so, dass in der Tat einige Sevillaner noch nie Schnee gesehen haben. Die letzten 60 Jahre sind etwaige Flocken jeweils an der leidenschaftlichen Hülle von Sevilla, die es noch mal einige Grad wärmer macht, gescheitert. In der Umgebung meiner Stadt durfte ich allerdings mit wahrhaftigen Schnee-Zeugen reden. Vor 2 Jahren war es offensichtlich doch mal etwas kälter als sonst.

WIRKLICH glücklich war ich allerdings, als meine wunderbare Freundin mich in der letzten Woche für ein paar wenige Tage besuchen kam. Nach all der Geduldszeit waren unsere uns repräsentierenden Bären wieder vereint und der in Berlin verweilende Marcus-Bär durfte sich nach all der Zeit das sagenhafte Sevilla aus nächster Nähe mit seinem weiblichen Gegenstück anschauen. Meine Identität wird im Übrigen durch die roten Schuhe dargestellt. Schön, wenn man so sehr auf sein Äußerliches reduziert wird. Die Version 2.0 hat wahrscheinlich ein rotes Hemd!

Die beiden Bären sehen sich Anfang September ein letztes Mal. Während Frau Bärin in den Flieger nach Sevilla steigt muss Marcus-Bär sein Dasein in Berlin fristen.
Kurz vor der Ankunft ist die Euphorie groß...
... und nach einem gemeinsamen Betrachten des Sonnenunterganges (in Form der Deckenbeleuchtung)...
...machen sie es sich gemeinsam auf dem Sofa gemütlich.
Nach der Abreise ist laute Musik dabei behilflich, auf andere Gedanken zu kommen.
Ich danke für die wunderschöne Zeit. Ich denke sie war ein starkes Indiz dafür, dass Fernbeziehungen auch unter diesen Bedingungen standhalten können. Was - wenn man mal links und rechts schaut - jedoch beileibe nicht bei jedem Erasmus-Pärchen der Fall ist. Obwohl Deutsche in meiner eigenen Observations-Statistik auffällig gut abschneiden. Südeuropäische Bewohner (Spanier, Italiener) nehmen es da üblicherweise nicht ganz so genau.

Ich freue mich auf Weihnachten. Auf Schnee. Auf Menschen, die meine Sprache nutzen. Auf Vertrautheit.
Und bin trotzdem traurig, dass schon mehr als 40% meiner Zeit hier vergangen sind. Qué pena!

Bis bald mal wieder,
Marcus

PS: noch ein paar Bilder von einem gemeinsamen Festschmaus mit Kommilitonen in einem echt spanisch eingerichteten Haus mit einem Haufen an Dekorationsmöbeln:
Welch Anblick!

Let's rip it!

Gracias para el almuerzo fantástico!

Samstag, 26. November 2011

Spätestens mit dem zurückliegenden Wochenende vom 12.11. bis zum 14.11. darf man mich mit gutem Recht als verwöhnt bezeichnen. Schließlich habe ich schon wieder "Urlaub" gemacht, nachdem ich bereits in der vorangegangenen Woche Barcelona unsicher gemacht habe.
Diesmal durfte Lissabon meine Anwesenheit ertragen. Im Gegensatz zu Barcelona waren wir diesmal allerdings eine deutlich größere Truppe. Mit einem Polen, drei Polinnen, zwei Italienerinnen, einem Chilenen, einem Deutschen, einer Österreicherin und einem Amerikaner warteten auf Interessierte mit der Frage "So where are you from?" meist eine längere Antwort als beabsichtigt.

unsere Reisetruppe
Das Zustandekommen der Fahrt zeigt einmal mehr, dass es sich lohnt kommunikativ und spontan zu sein. Wir (meine Reise-Italienerin; siehe Barcelona; sowie mein Amerikaner; siehe im nach wie vor nicht vorhandenen
Marokko-Artikel :) ) hatten am Dienstag die Idee begraben nach Lissabon zu reisen. Just an diesem Tage habe ich eine Österreicherin getroffen, mit der ich über das Reisen sprach. Es stellte sich heraus, dass sie mit FreundInnen ironischerweise gleichzeitig am Vorbereiten eines Lissabon-Wochenendes war. Und - fast schicksalshaft - waren noch Plätze frei, die ich schnell mit meiner Wenigkeit und zwei Freunden (dem Amerikaner und der Italienerin) besetzte.

In dieser illustren Runde begannen wir am Samstag die Reise in zwei Mietautos. Diese hatten einen Basispreis, bei dem man eigentlich nur an Dumping denken kann: 25€! Mit den Zusatzkosten für die unter-25-jährigen Fahrer, dem besten Versicherungsschutz und sonstigen Späßen waren wir nichtsdestotrotz nur bei etwas mehr als 15€ pro Person. Von Samstag- bis Dienstagmorgen!
Bei diesen Nebenkosten erscheinen viele andere Transportvarianten für bestimmte Ausflüge (mit verhältnismäßig wenig Kilometern, aber vielen Zwischenstopps) angesichts der verbesserten Mobilität auf einmal recht unattraktiv.

Faro ist ein kleiner Ort an der Südküste Portugals, die den Sonnenanbetern unter euch wohl eher als "Algarve" bekannt ist. Auf unserer Fahrt nach Lissabon entschieden wir uns hier für einen Zwischenstopp.
Beschaulich ist der Ort zweifelsohne. Nun weiß ich jedoch wahrlich nicht ob es an uns lag oder an der eher touristenunfreundlichen Jahreszeit: Trotz bester Samstagszeit und bestem Wetter mangelte es an Menschen. Mir kam die Stadt ein wenig wie eine Geisterstadt vor. Weniger wie eine aus der Goldgräberregion in den USA. Dort gibt es ja tatsächlich ganze Orte, in denen niemand mehr wohnt. Allerdings wirkte sie wie ein süßes, kleines Küstenstädtchen, das irgendwann aus welch Gründen auch immer leergefegt wurde. Dazu trug bei, dass so gut wie alle Fensterläden zugesperrt waren und es viele renovierungsbedürftige Häuser gab.


Als wir an einem der letzteren vorbeikamen, erfuhren wir, dass der leibhaftige Casanova in unserer Reisegruppe mitgereist war. Als wir nämlich an einem kleinen Gehöft vorbeikamen, wurde unser Chilene magisch vor ein Schild gezogen, dass ihn als rechtmäßigen Besitzer kennzeichnete. Unsere Mädels wurden durch eine unsichtbare Hand geleitet in seine Richtung befördert, ohne sich gegen diesen Impuls wehren zu können. Welch Leben!



Lissabon hat einen ganz eigenen Charme. Zwar hat es weniger Must-See-Sehenswürdigkeiten als Barcelona, aber dafür ist die Lage der Stadt relativ ungewöhnlich. Es ist nicht nur die westlichste Großstadt Europas, sondern zudem die einzige westeuropäische Hauptstadt, die am Ozean liegt. Hinzu kommt, dass Portugal nur für jene Fahrradfahrer geeignet ist, die zumindest schon einmal im Besitz des gelben Trikots haben. Man sagt nämlich, dass die Stadt auf sieben Hügeln erbaut ist. Dementsprechend geben alle möglichen Aussichtspunkte (portugiesisch: miradour) wunderschöne Blicke auf die gesamte Stadt preis.

Das Lissaboner Nachtleben spielt sich in außerordentlich engen Gassen ab und besteht aus einem recht großen Barviertel. Bei der kostenlosen Stadtführung von Panchotours erfuhren wir, dass die Leute hier selbst im Winter ohne Pullover auskommen. Das liegt nicht etwa daran, dass die Temperaturen nicht auch einmal den einstelligen Zahlen zustreben. Noch viel weniger liegt es an einer vermuteten Wärmeresistenz der Lissaboner. Alle Südländer würden angesichts ihrer Frösteligkeit jeden Warmduscher Deutschlands cool aussehen lassen. Es ist jedoch so, dass in den engen Straßen so viele Menschen seien, dass die alleinige Präsenz anderer Körper für eine spürbare Erhöhung der Umgebungstemperatur sorgte. Strecke man die Hand aus der Menge, dann solle man sich lieber einen Handschuh anziehen, weil die Gradzahl spürbar abnähme.
Ob das Ganze stimmt, kann ich euch leider nicht sagen. Auf jeden Fall würde ich mich als 1,90m-Mensch durchgängig benachteiligt fühlen. Während meine Ohren einen Heldentod stürben, kuschelte der Großteil meiner Mitmenschen wohlig in der Menschenmasse. 

Ein weiterer Bar-Area-Fakt: man sollte sich zum frühen Morgen hin eher in einer hochgelegenen Bar befinden. Die Steigung führt nämlich zu einem unangenehmen Gravitationseffekt, bei dem die (meist männlichen) Bedürfnisse zu regelrechen kleinen Bächen (wenn nicht gar Kanalsystemen) führen. Der Effekt soll durchaus riechbar sein. Auch dies kann ich nicht mit eigenen Erfahrungen belegen!

So haben wir also den ersten Abend streunernd in der Lissaboner Nachtgegend verbracht. An einem zentralen Monument, trainierten wir unsere Gesichtsmuskeln darauf, Emotionen darzustellen. Ob wir dabei erfolgreich waren? Nun, es gibt viele Fotos. Hier nur ein Ausschnitt.

Einige Sekunden nachdem wir entdeckten, dass das Hopfengetränk auch in Spanien bekannt ist.

Das sieht stark nach der Zentripetalkraft aus, die man im Karussell erlebt.
 

Freestyle
Auf unserem Weg durch die Nacht kamen wir auch an einem Teil DES Wahrzeichen Lissabons vorbei - der schon 100 Lenze zählenden Straßenbahn. Da ich es leider nie lassen kann ein bekletterbares Objekt auszulassen, hat mich meine Neugier auch in diesem Falle nach oben getragen:

Auch als Sänger habe ich die höchsten Höhen musikalischer Töne erklommen:


Am nächsten Tag (dem Sonntag) erkundeten wir die Stadt. Eigentlich hatten wir an der kostenlosen Stadtführung teilnehmen wollen, die dann aber unter anderem an der üblichen mangelhaften Gruppendynamik gescheitert ist. Eine Erwachsenengruppe von zehn Menschen ist deutlich schwerer zu führen als eine Kindergartentruppe mit 50 Quenglern! Das Mitnehmen einer vernünftigen Karte, um rechtzeitig zum Bestimmungsort zu kommen, hätte auch geholfen.
Man muss dies jedoch fast als Glück bezeichnen. Sämtliche von der UNESCO geschützten Weltkultur-Gebäude ("sämtlich" heißt in meinem Neusprech: zwei) waren kostenlos. Dazu gehören ein ehemaliges Kloster, Jeronimo's Monastery, und ein alter Turm, der Belem Tower.
Jeronimo's Monastery
Auf dem Weg vom einen zum anderen haben wir wieder unsere schauspielerischen Fähigkeiten bemüht. Wer stellt wohl wen dar?

Der Belem-Turm wurde bereits im 15. Jahrhundert direkt am Ufer errichtet...
... und führt über enge Gänge...
...nach oben zu einer schönen Aussicht:

Hernach besichtigten wir ein Museum of (mostly Modern) Art - Museu Coleccao Berardo. Hierbei beeindruckte mich eine Ausstellung sehr, auch wenn ich ja bekanntermaßen für Kunst nicht immer viel übrig habe. Es handelte sich um einen Künstler namens Vik Muniz, der typischerweise Alltagsgegenstände so arrangiert, dass sie neue Bilder ergeben. Klingt wie kalter Kaffee? Fahrt nach Lissabon und schaut euch an, was für zauberbare und wunderhafte neue Dinge er aus Schrottmüll, Kaviar und Sand erschafft.
 
Von allen Lissabonkennern wurde mir nahegelegt, den "Fado" nicht zu verpassen. Hierbei handelt es sich um einen traditionellen Gesang, den es eigentlich nur in Portugal gibt. Der Gesang handelt üblicherweise von den Leiden des portugiesischen Volkes - Liebeskummer und Weltschmerz vereint zu einer Musik, die die Gefühle in den Vordergrund stellt. Mit dem Export hatten die Portugiesen dabei weit weniger Erfolg als zum Beispiel die Spanier mit dem Flamenco oder die Deutschen mit dem Automobil.
Schön wars - aber Flamenco ist besser!
Am Montagnachmittag haben wir uns nach der Stadtführung relativ spontan dazu entschieden, nach Sintra zu fahren. Unser Guide hatte uns nämlich durch die Aussage, dass "viele Lissabon-Touristen Sintra als eine ganz andere Welt" bezeichnen würden, neugierig gemacht.

Wir sind in Sintra erst gegen 18 Uhr angekommen. Die Tatsache, dass uns dadurch wenig Zeit mit Tageslicht verblieb war nicht wirklich ein Problem. Dieser kleine beschauliche Ort ist wahrhaft schön und dies wurde durch das dämmernde Licht nur noch mehr verstärkt. Fernab eines Großstadt-Dschungels kann man hier sehr gut träumen. Für mich, der ich die vorigen Wochen sehr viel Stadtgrau gesehen hatte, war es eine erholsame Abwechslung Zeit in Sintra zu verbringen. Anschließend ein paar Bilder.

Stadtzentrum


Fast-die-Niagarafälle
der Fels in der Brandung
wunderschönes Anwesen (wenn auch das Bild das nicht wiedergeben kann)

Blick über Sintra


Nach einigen Problemen auf der Rückfahrt - erwähnte ich schon, dass die Straßenführung von Portugal besch..eiden ist? - sind wir Montagnacht gegen 2 Uhr wieder angekommen. Die Tour war nicht nur wunderschön, sondern wir haben auch entgegen meiner Erwartung sehr viel von der Stadt mitgenommen und haben wenige der Attraktionen ausgelassen. Zehn Leute sind zwar wahrhaftig viele, aber die Gruppenzusammenstellung war so harmonisch, dass es allen gefallen hat.
Durch die Erbauung in einem solch gebirgigen Gelände direkt am Meer ist Lissabon schon etwas sehr Individuelles und eine kurze Reise hierher kann ich nur empfehlen. Danach sollte man vielleicht nach Andalusien weiterreisen. Sagen wir nach... puuuuh... Sevilla!

Bis demnächst,
Marcus

Mittwoch, 9. November 2011

04.11.2011 bis 07.11.2011

"Das macht einen Mords-Gaudi." Diese Aussage erhält in Barcelona eine vollkommen neue Bedeutung. Gaudí wird vom gesamten touristisch vereinnahmten Sehenswürdigkeiten-Sektor Barcelonas als Messias gefeiert und gilt - wie in Barcelona immer wieder zitiert wird - allgemeinhin als eines der größten Universal-Genies aller Zeiten. Gaudí wirkte zur Wende des 19. und 20. Jahrhundert in der sogenannten "Modernista"-Kunstepoche.
Nun, ob er zu einem anderen Zeitpunkt als farbenfroher Spinner verlacht oder ob er jederzeit als Genie betrachtet worden wäre kann ich mit meinem bezüglich bildender Künste bzw. Architektur nicht vorhandenen Wissen leider nicht einschätzen. Fakt ist jedoch eins - er macht alles anders. Seine "Werke" (darunter befinden sich einige Wohnhäuser, ein Park und sogar eine monumentale Kirche) sind so wunderbar erfrischend unkonventiell, farbenfroh und märchenhaft, dass man wahrhaftig das Gefühl hat, man befände sich auf einem weit von der Erde entfernten Ort, beispielsweise in einem Roman von Michael Ende. Das wohl auffälligste ist, dass Gaudí gerade Linien ebenso meidet wie viele Erasmus-Studenten die Vorlesungen. Ebenso bindet er wahnsinnig viele Dinge aus Fora und Flauna in seinen Gebäuden ein. Die Natur wird von ihm selbst auch als seine Haupt-Inspirationsquelle bezeichnet. Das ist nicht zu übersehen.
Selbst Gaudís Kirche - die als Sagrada Familia das bekannteste Wahrzeichen Barcelonas ist - beinhaltet alle diese Charakteristika. Ich muss mir heute selbst eingestehen, dass ich noch nie von einer Kirche wirklich beeindruckt war. Die Sagrada Familia jedoch hat mir mehr als einen Laut des Erstaunens entlockt. Absolut faszinierend!



Barcelona ist wahnsinnig teuer. Selbst inkl. der Inanspruchnahme von Studentenrabatten haben wir an drei Besuchstagen pro Person etwa 50€ an Eintritten ausgegeben. Würde Gaudí heute noch leben und mit 10% an den Einnahmen beteiligt werden, so wäre er sicherlich einer der absolut reichsten Männer Spaniens. Schön ist die Aussage der (vielfach privaten) Besitzer der Gaudí-Gebäude: "Wir werden *schluchz* leider nicht durch Subventionen der Regierung unterstützt. Wir danken Ihnen vielmals, dass Sie mit Ihrem Besuch dazu beitragen, dass Gaudís Geschenke an die Menschheit erhalten bleiben können."
Dass von den 15€ Eintritt angesichts der Tausenden Besucher wohl kaum mehr als 1€ in die Instandhaltung und die Bezahlung der übersichtlichen Anzahl des Personals gehen, wird nicht erwähnt. Ich möchte eine Ergänzung machen: "Wir danken Ihnen vielmals, dass [...] beitragen, dass die luxuriösen Geschenke an meine Gattin und meine nimmersatten Kinder weiterhin gemacht werden können."

Für mehr Ehrlichkeit im Kapitalismus!

Noch eine Bemerkung: Warum sollte man von einem Konzerthaus wie dem Palau Museum de la Música Catalana keine Bilder machen dürfen? Weil es sich in "privater Hand" befindet und sämtliche Bilder privates Eigentum sind! Ob das zukünftig auf meine Erinnerungen ausgeweitet wird und ich nach dem Besuch des Opernhauses "geblitzdingst" werde?
Glücklicherweise bin ich ein skrupelloser Rüpel, der heimlich doch ganz viele Aufnahmen gemacht hat. Womit ich übrigens nicht allein auf weiter Flur war. Ein sympathischer älterer Herr mit grauen Haaren hat es mir gleichgetan und hat nach jeder Raum-Besichtigung noch lange im Selbigen verweilt, bis die gute Reiseführerin entschwunden war.

...dieses Bild gehört den Besitzern des Palau Konzertsaales, auch wenn ich der Fotograf bin. Ich habe es mir nur kurz ausgeliehen...


Empfehlen kann ich trotz der gepfefferten Preise einen Besuch von Barcelona allemal, allein schon wegen der einzigartigen Gebäude. Vergleichbar ist das Ganze nur mit Hundertwasser-Werken. Die Stadt zieht einem aber auch sonst das Geld aus der Tasche - in der Form von Diebstählen (immerhin ist Barcelona die Stadt Nummer 1 in Europa für "robberies"), Club-Eintritten von 20€ aufwärts und wahnsinnig teuren Tapas.

Tapas? Habe ich die schon einmal erwähnt? Ich gehe davon aus - es handelt sich um die berühmten Mini-Portionen, die die Spanier typischerweise in Restaurants bestellen. In Sevilla kostet so ein Tapa zwischen 1,80€ und üblicherweise nicht vielmehr als 2,50€. Daher bestellt man sich zwei, drei oder vier dieser oftmals vorzüglichen Kreationen und isst mehrere Köstlichkeiten auf einmal. Dazu ein kleines Bier für 1€ bis 1,20€ - fertig ist ein für die meisten bezahlbares Abendessen. (Wer mich kennt, kann sich meine Vorgehensweise vorstellen: vor dem Tapas-Essen nehme ich meistens zu Hause schon so viel zu mir, dass mir dann ein Tapa ausreicht. Für mich sind Tapas eher so etwas wie eine warme Nachspeise. Wenn ich mich hungrig mit Mini-Portionen herumschlagen müsste, würden sich die Tellerchen an meinem Tisch wohl so hoch stapeln, dass mein Gesicht nach der Hälfte meiner Tapas bereits hinter einer weißen Wand verschwinden würde).
Diese "Portiönchen" gibt es in Barcelona auch. Nur, dass einem bei einem Preis von 5€ der Appetit auf mehrere verschiedene Sachen vergeht. Auch von einem 1€-Bier kann man in Barcelona nur träumen.


Ein kleiner Tipp für Stadt-Reisende: in Barcelona gibt es - wie in fast jeder anderen großen europäischen Stadt - "free walking tours". Diese meist mit außerordentlich sympathischen und wahnsinnig kompetenten Reiseleitern bestückten Stadtführungen sind eine absolute win-win-situation. Man bezahlt am Ende in Form von Trinkgeldern so viel wie man gerne bezahlen möchte. Angesichts der Menge an roten und blauen Scheinen, die am Ende der Tour in die Hand des Reiseleiters wandern, sollte ich vielleicht noch einmal meinen Berufswunsch überdenken. Es scheint sich zu lohnen!


"Johnny - la gente está loca". Dieser (musikalisch seltsame) Song beschreibt das Nachtleben in Barcelona. Laut der Aussage der hiesigen Austauschstudenten soll das auch wirklich der Fall sein. Im Sommer tanzend auf das Strandareal des Clubs gehen, wo einem von zwielichtigen Gestalten Tortillas verkauft werden um dann wieder zurück in den 2-, 3- oder 4-Floor-Club zurückzugehen: das klingt wunderbar. Schon vor dem Club-Besuch die Flasche mit Alkohol im Strand verbuddeln, um sich kostengünstig erfrischen zu können: sehr studentisch. Und in der Tat - die Räumlichkeiten waren jeweils recht schick. Leider hat das grausige Wetter (durchgängiger Regen für die gesamte Zeit) dazu geführt, dass wir alle mit nassen Schuhen im Club angekommen sind. Das ganze Rumgerenne in der Stadt (mind. 8 Stunden waren wir jeden Tag unterwegs) hat dann auch dazu geführt, dass wir die Aussage des ersten Satzes dieses Absatzes weder bestätigen noch widerlegen können. Fakt ist, dass eindeutig viel zu wenig Spanier zugegen waren.


Im Übrigen werde ich von nun an versuchen, ein paar mehr Bilder unterzubringen. Dem einen oder anderen könnte das bei der Lektüre dieser Zeilen schon aufgefallen sein. Mein Image-Counter ist immerhin bei 1300. Das schaffte meine italienische Reise-Begleiterin in Barcelona zwar fast in 3 Tagen, aber für mich ist es schon ein Wunder, dass ich überhaupt Fotos "schieße" (wo kommt eigentlich diese komische Redewendung her?).



Gaudi-Park


Gaudi-Park - Eingang

Wandgemälde in Barcelonas Kathedrale
Die Sagrada Familia droht von einem hungrigen Wesen verschluckt zu werden
Casa Batlló
Rückfassade der Sagrada Familia

Ausblick von dem oberen Teil der Sagrada Familia über Barcelona



Ansonsten bleibt mir nur noch eins zu sagen: Nutzt die Möglichkeit zu reisen! Es gibt so viel zu sehen!

Bis bald,
Marcus

Samstag, 29. Oktober 2011

Verschiedenes


Leute, fangt an einen Blog zu schreiben! Ihr bereichert euch damit um ein weiteres Zitat, das zu jeder Gelegenheit fallen darf: „That’s totally going into my blog“. Leider verbleibt es häufig bei dieser Androhung. Die Umsetzung erfolgt ja meist doch eher…verzögert.

Wie üblich jeglicher Chronologie entbehrend muss ich mal einen Satz über die spanischen Autofahrer loswerden. Ihr spinnt! Die ersten ein, zwei Male dachte ich noch, dass da offensichtlich jemand eine Nacht mit wenig Schlaf verbracht haben musste. Mittlerweile weiß ich: es gibt eine erschreckende Anzahl spanischer Autokünstler, die ihr Vehikel verunstalten. Nicht etwa durch zu schnelles Fahren. Nein – sie fahren beim Einparken einfach so lange rückwärts, bis ein energisches Knirschen signalisiert, dass sie die Hauswand erreicht haben. Oder sie „grinden“ in alter Tony Hawk-Manier entlang eines Bordsteins (ohne ersichtlichen Grund). Mittlerweile habe ich ein Dutzend solcher Beispiele gesehen. Umso schmerzhafter werden die Erlebnisse durch die Tatsache, dass hier in Spanien gefühlt die Hälfte aller Autos aus dem wohlhabenderen Land etwas weiter nordöstlich von Spanien kommt. Mercedes, VW, Audi – die deutschen Erzeugnisse sind hier anscheinend beliebter als in Deutschland selbst. Vielleicht liegt das auch daran, dass der einzig große spanische Autobauer (SEAT) seit mehr als 20 Jahren zu VW gehört...

Die Halbwertszeit eines Fahrradfahrers ist in Spanien definitiv etwas beschränkter als das beispielsweise in Deutschland der Fall ist. Letztendlich erinnert mich der Fahrstil hier ein bisschen an den der Japaner: die ansonsten allen Regeln folgenden Japaner fahren bei Rot über die Straße, radeln fröhlich entgegen der Einbahnstraßenrichtung im Rush-Hour-Verkehr und nutzen überfüllte Bürgersteige als Fahrradwege. Der einzige Unterschied ist, dass ein Japaner NIEMALS seine Klingel benutzen würde um voran zu kommen. Da kann man zum Teil dann amüsante Szenen beobachten wie ein japanischer Geschäftsmann im Anzug geschlagene 60 Sekunden hinter zwei alten Frauen voranzuckelt, weil diese seine Präsenz nicht erahnen (können).
Durch das Ignorieren der Ampeln kommt man im weitläufigen Sevilla sehr schnell voran. Wie ironisch ist es da, dass ich einen Unfall hatte, als ich regelgerecht bei Grün über die Straße bin (siehe weiter unten)… Ob das ein schicksalshaftes Zeichen zu mehr Ungehorsam gegenüber den Straßenverkehrsregeln ist? Nein, ich denke nicht!



Hätte ich doch bloß meine Klappe gehalten! Kein Regen, zu warm? Nun, meine Wünsche wurden erhört. Vor fünf Tagen hat es erstmalig geregnet. Ich war glücklich wie ein Regenwurm. Es war kein kleiner Nieselschauer, sondern ein richtig ordentlicher Dauerregen mit zufriedenstellendem Durchsatz.
Seitdem hat es wieder und wieder geregnet und möchte auch nicht so recht aufhören. Die Temperaturen sind von tagsüber 30 Grad im Schatten auf unter 20 Grad zurückgegangen. Unter 20°C! Man sollte bedenken, dass es die vorigen Wochen nicht einmal nachts unter diese arktisch anmutende Kältegrenze gefallen ist. Nun muss ich meinen Pullover doch noch aus der dunkelsten Ecke meines Schrankes hervorholen und ihn seiner Bedeutung zukommen lassen. 

Bevor ich jetzt allzu viel Fanmail bekomme: ja, ich bin mir bewusst, dass die Temperaturen in Deutschland andere sind. Aber meckern (oder sollte ich sagen: wettern) wird man ja wohl noch dürfen, oder? Immerhin schließe ich mich damit nur der großen Mehrheit der modernen westlichen Bevölkerung an, deren Lebensinhalt immer weniger daraus zu bestehen scheint, glücklich zu sein.



Kommen wir zu einer interessanten Beobachtung von Land und Leuten: der Sozialstruktur. Insgesamt ist Spanien relativ bunt durchmischt. Sonderlich starke ethnische Zentren (Chinatown etc.) habe ich bisher noch in keinem Gebiet ausmachen können, jedenfalls solange man die jugendlichen botellón-Trinker nicht in den Status einer solchen Aggregation erhebt. Diese häufen sich nämlich in der Tat in der Regel an ganz bestimmten Orten an. Dazu gehören der Fluss, der Guadalquivir, und vielfach relativ zentrale Plätze wie der Plaza del Salvador oder die Alameda. Mit mehreren hundert (friedlichen) trinkenden Zeitgenossen kann man zumindest im Zeitraum von Donnerstag bis Samstag rechnen.
Allerdings muss ich immer wieder bestürzt feststellen, dass sehr viele Schwarzafrikaner offensichtlich nicht wirklich in der regulären Arbeitsgesellschaft integriert sind. Man sieht (verglichen mit England etwa) nur sehr vereinzelt dunkelhäutige Menschen. Jedoch sind sie dann in der Mehrheit der Fälle damit beschäftigt, Taschentücher an die Autoinsassen in den Autoschlangen vor roten Ampeln zu verkaufen. Eine weitere Hauptbeschäftigung liegt im Verkaufen von Uhren, Schmuck und sonstigem Krempel. Nach einigen Unterhaltungen habe ich festgestellt, dass Spanischkenntnisse meist nicht vorhanden sind. Ich empfinde es als sehr schade, dass in diesem Fall die Integration vollkommen versagt. Selbstverständlich muss man aber auch bedenken, dass Südspanien für viele Arbeitsuchende aus Afrika die erste Station ist. Nichtsdestotrotz müsste es da doch eine andere Lösung geben.

Eine weitere offensichtliche Auffälligkeit ist die Vielzahl an Obdachlosen. In der Nähe des Flusses stehen viele Zelte oder durch Pappe konstruierte Hilfsbauten, an sehr zentralen Orten errichten sie sich ein kleines Refugium – überall halten sich Obdachlose auf. Die meisten von denen scheinen nicht die Intention zu haben um Geld zu bitten. Viele begnügen sich mit dem Verzehren ihrer Weinflasche oder sonstigen Alkoholitäten…

Eigentlich wollte ich jetzt noch etwas zu meiner Marokko-Tour schreiben. Aber die Schreiblust hat mich schon wieder verlassen. Bis bald!

Donnerstag, 13. Oktober 2011

Facebook! Du nie versiegender Quell eitler Oberflächlichkeiten. Du grandiose Möglichkeit zum Null- und Nichtigmachen meiner wertvollen Zeit. Du fabulöses Netzwerk der Unpersönlichkeit. Facebook! Du Datenkrake, du schwarzes Loch der Informationen, du verstopfter Abfluss von all dem, was wir eigentlich nicht mehr in unserem Spülbecken haben wollen. Facebook!

Wer von den etwas betagteren Lesern der Meinung ist, es zeuge von zu wenig Respekt wenn ich Facebook gegenüber das „du“ verwende, der hat den Flow der Zeit noch nicht erkannt. Im Internet haben wir uns lieb, sind alle ein graues Einerlei aus anonymer Haferbrei-Masse und versuchen doch so individuell zu sein. Wir duzen uns nicht nur, wir „yo, Digga, was geht“n uns und schicken uns poetischste, einzeilige/drei-wörtrige, gut gemeinte Geburtstagsgrüße wie „Alles Gute!!! Xxx“.
Genug der halbherzigen Kritik. Facebook und ich haben ein ähnlich pseudo-kritisches Verhältnis wie Marcus und die Umweltverschmutzung – ständig bin ich mental am Lamentieren und doch ändere ich ebenso wenig an meinem Verhalten wie alle anderen auch!

Auslöser? Ich habe jetzt schon von mehreren Personen vernehmen dürfen, ich müsse doch endlich mal mein Profilfoto austauschen. Wer hat HEUTZUTAGE noch ein schlecht beleuchtetes Foto, das den Betreffenden naiv-glücklich mit sich, seiner Webcam und dem neutralen Teil seines unaufgeräumten Zimmers zeigt? Und wenn man keine Einzelfotos hat? Dann nimmt man halt eines mit mehreren Personen, schneidet sein Gesicht in eine schöne Form, lässt ein paar Filter drüber laufen und präsentiert sich als das Sonnenkind dieser Erde.
Das Schlimmste ist, dass ich seitdem ständig den Gedanken habe „Hm, du müsstest eigentlich mal dein Facebook-Foto ändern“. Glücklicherweise war ich bisher immer zu faul um ernsthaft nach einem neuen Foto zu suchen.

Gespräch mit einer Amerikanerin: „Wenn ich das richtig mitbekommen habe, ist Facebook bei euch ein essentieller Bestandteil des sozialen Miteinanders. Viele haben ja deutlich mehr als 500 Freunde. Wie viele hast du eigentlich?“ „Mehr als 1200. Aber ich kenne sie alle. Ich gehe regelmäßig die Geburtstagsliste durch und lösche all jene Namen, die mir im ersten Augenblick nichts sagen. Wie viele Freunde nennst du denn dein Eigen?“ „Vielleicht 150…“ „WAAAS? Aber du kannst doch niemals so wenig Leute kennen!“
Das Schlimmste ist, dass mein Freundescounter sich exponentiell zu einer Zahl hin entwickelt, die nicht unbedingt von ausnahmslos tiefen Freundschaften zeugt. Zumindest wird die Mehrheit dieser Menschen (in ferner Zukunft) nicht in die potenzielle Casting Show „Marcus‘ next Trauzeuge/Trauzeugin“ eingeladen werden.

Bombardiert-Werden mit Informationen. Jener Virus, der sich „Zeittotschlagen“ nennt ist recht pfiffig. Über Facebook hat er viele Wirte, die ihn in die hintersten Winkel der Welt befördern. Das „Sharen“ von Videos, Websites, Songs etc. sorgt für ordentliche Ablenkung. Bisher habe ich mich dem immer größtenteils entzogen.
Das Schlimmste ist, dass ich nun selbst etwas sharen werde. Ich fand den Film „Pina“ nämlich außerordentlich genial, da es in meiner Filmkarriere bisher noch nie eine solche Fülle an unterschiedlichen Gefühlen in so kurzer Zeit erleben durfte.

Genug der Tiraden. Ich bin hier, um euch etwas über meine Erlebnisse sowie Land und Leute zu berichten.
Zu meinen Erlebnissen: seit meinem letzten Eintrag haben sich viele erste Male ereignet (http://www.youtube.com/watch?v=obXIGfPXAio). 

Auf ein erstes Mal warte ich jedoch nach wie vor noch – Regen! Zum Donnerwetter – wann bekomme ich denn bitteschön endlich einmal eine Abkühlung? Kein Nieselregen, kein Graupelschauer, kein Wolkenbruch, kein Dauerregen, keine vom Himmel regnende Frösche, kein saurer Regen – nichts! Höchstens einmal wenn das Blumentopfwasser der Nachbarn herunter auf die Straße tropft. Möchte man sich dort glücklich lächelnd berieseln lassen? „Let it rain over me!“ Zur Zeit hilft mir nur die Seite www.rainymood.com. Oder eine Dusche. Aber das ist nicht das gleiche! Glücklicherweise werden wöchentlich sonntags Strandtouren angeboten. Da kann ich dann meinen Körper von „echtem Wasser“ umspülen lassen.

Wo wir gerade beim Thema sind – gestern, den 12.10.2011 war dankenswerterweise ein Feiertag. Da keine Gelegenheit von den Erasmus-Organisationen ungenutzt bleibt, wurde etwas angeboten. Was wohl? Eine Strandtour! Wunderbar. Da ich sowieso keine anderen Pläne hatte, habe ich die 13 Euro guten Herzens investiert.
Nun denn, Dienstagabend. Marcus, morgen früh um 7.30 Uhr aufstehen um zum Strand zu fahren. Ruhigen Abend verbringen! Also in eine Bar. „Am Torre del Oro gibt’s eine Botellón. Lass uns doch da hingehen!“ Nichts Böses ahnend mitgegangen. Sozialisiert. Festgestellt, dass es fast nur Spanier dort gab. Erasmus-Studenten in Minderheit. I like! „Tienes que probarlo!“. „Aquí es otra bebida.“ Gegen 3.30 Uhr festgestellt, dass der Antritt der Heimreise angebracht wäre. Um 4.40 Uhr letztes Mal sichergestellt, dass der Wecker auch sicher klingen wird. Um 10.30 Uhr von Mitbewohner geweckt. Der despertador verweilt in meiner Hand. Bullocks!
Soviel zur ständig überschätzten Selbstdisziplin. Der Abend am „Torre“ hat sich vollständig gelohnt. Aber ich hätte schon gerne im Atlantik geplanscht.

Wo wir gerade vom Thema abgekommen sind: wir waren bei den ersten Malen. Am Samstag war ich erstmalig in einem spanischen Kino. Und ich denke es ist ebenso neu, dass ich von einem Film ohne Handlung so restlos begeistert bin. „Pina“ ist letztendlich nur eine Aneinanderreihung von unterschiedlichen Szenen aus Theaterstücken. Mal sind die Szenen 30 Sekunden lang, mal 5 Minuten. Und mittendrin gibt es immer mal wieder kurze Interviews. Die Art und Weise des Tanztheaters, die Umsetzung von menschlichen Emotionen, die Intensität – alles ist unglaublich gut umgesetzt. Große Empfehlung. Wir haben den Film in 3D gesehen. Eigentlich bin ich nicht der größte aficionado von 3D. Meiner Erfahrung nach gibt es dem Kinoerlebnis nicht viel mehr als einen etwas leichteren Geldbeutel. Nichtsdestotrotz hat man sich dadurch ein kleines bisschen mehr als Theaterbesucher gefühlt.

Am Sonntag bin ich la primera vez bereits um 6.30 Uhr aufgestanden. Um in der Tat erstmalig in meinem Leben zu einem großen Flohmarkt zu gehen. Vor Ort wird er meist als ein Zigeuner-Markt bezeichnet. Was es da alles für einen Müll zu kaufen gibt, Wahnsinn! Ich habe mich gegenüber den verrosteten Werkzeugen, dem improvisierten Friseur und den Pornofilm-Ständchen unbeeindruckt gezeigt und habe zielstrebig nach einem geeigneten Fahrrad geschaut. Begleitet wurde ich durch meinen Mitbewohner und drei Bekannten aus Italien. Mit unserem gesteckten Budget (etwa 30 Euro) war es gar nicht so einfach ein passendes Gefährt zu finden. Nach einigem Suchen und noch einigerem Verhandeln hielt ich dann mein eigenes Fahrrad in den Händen. Welch Triumph-Gefühl!

For the first time I could return back home with my own bike! Den Sonntag habe ich – in alter Tradition – mit meinem Mitbewohner und den Mädels aus Polen verbracht. Diesmal sind wir in einen etwas weiter abgelegenen Ort mit dem Bus gefahren. Alcalá hat eine verlassene, aber teils erhaltene römische Festung zu bieten (ein „castillo“), einen langen unbeleuchteten unasphaltierten Tunnel, der nichts mit nichts verbindet, und einen wunderschönen Park.
Eine freundschaftliche „Rangelei“ zwischen meinem Mitbewohner und einer Polin führte dazu, dass Paulo mitsamt Rucksack, Handy, Kleidung und sonstigen Habseligkeiten in den "Ententeich" fiel. Ich entschuldige – eigentlich gab es auf dem Teich nur Schwäne. Pudelnass stieg er aus dem nach Schwan riechenden Teich, während wir anderen uns ein lautstarkes Lachen nicht verkneifen konnten. Jedoch – schade ums Handy!
Das Ende vom Lied war unerwarteterweise, dass Paulo zusammen mit zweien der Polinnen im Teich gebadet hat. Ohne versehentliches Hereinfallen. Pure Absicht! Ich hatte die Aufgabe, das Ganze dokumentarisch festzuhalten. Somit war es auch der erste Tag, an dem ich endlich mal selbst ein paar mehr Erinnerungen auf den Speicher-Chip gepresst habe. Ich bin leider üblicherweise sehr Foto-faul. Das schönste Motiv habe ich glatt mal hochgeladen. Es scheint, als würden die drei auf dem Wasser schweben!



Am Montag hätte ich das erste Mal pünktlich in der Uni sein können. Leider stellte ich fest, dass die Schlüssel für das eben gekaufte Schloss direkt am selbigen befestigt waren und ohne Schere nicht entfernt werden konnten. Dadurch gab es dann doch noch die entscheidende Verzögerung.

Am Dienstag Premiere – pünktlich in der Uni dank eigenem Fahrrad! Auf dem Rückweg ebenfalls ein Novum. Marcus‘ erste Fahrrad-Kollision mit einem Auto. Herzlichen Glückwunsch! Fahrrad-Ampel grün, richtige Seite, verhältnismäßige Geschwindigkeit – und das Auto biegt ohne zu schauen oder gar anzuhalten rechts ab. Nun ist mein Fahrrad ganz lustig deformiert. Fast schon kunstvoll. Mir ist bei dem Spaß gar nichts passiert. Letztendlich bin ich dem Auto auch „nur“ mit relativ langsamer Geschwindigkeit in die Seite reingefahren. Aber ärgerlich ist das Ganze trotzdem.

Ich denke das reicht erst einmal. Beim nächsten Mal werde ich wieder mehr zum Thema Land und Leute schreiben, versprochen! Freut euch auf Eindrücke aus Marokko. Da geht es nämlich für mich ab morgen hin!

Bis bald,
Marcus

Update: Ich habe jetzt DOCH ein neues Foto bei Facebook hochgeladen. Aus einem anderen Bild ausgeschnitten – und es mutet einfach nur bescheuert an. Inklusive einer Hand aus dem Nichts. Ich werde wohl in Marokko viele Fotos schießen müssen und damit sowohl Bildmaterial für diesen tristen Blog als auch Fotos meiner Selbst für die Ewigkeit haben. Grandios! Danke, Facebook!